{"id":5786,"date":"2019-08-10T09:49:01","date_gmt":"2019-08-10T07:49:01","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5786"},"modified":"2019-08-10T09:49:02","modified_gmt":"2019-08-10T07:49:02","slug":"multinationale-konzerne-und-streiks-in-der-noerdlichen-bergbauregion-chiles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/?p=5786","title":{"rendered":"Multinationale Konzerne und Streiks in der n\u00f6rdlichen Bergbauregion Chiles"},"content":{"rendered":"<p><em>Eleonora Rold\u00e1n Mend\u00edvil.<\/em> Wir kommen in einer hei\u00dfen Phase in Antofagasta an, zehn Stunden von der n\u00f6rdlichen Landesgrenze gelegen. Die Lehrer*innen, Erzieher*innen, das Mensapersonal in den Schulen, die Arbeiter*innen eines Herstellers<!--more--> f\u00fcr F\u00f6rderb\u00e4nder f\u00fcr den Bergbau und die Bergarbeiter*innen eines der gr\u00f6\u00dften Kupfertagebaue der Welt in Chuquicamata, wenige Stunden ins Ladesinnere von Antofa, wie die Stadt lokal genannt wird, sind im Ausstand. Selten haben wir so viele Sektoren gleichzeitig im Arbeitskampf erlebt. Aus dem \u201eruhigem\u201c Deutschland kommend ist es besonders \u00fcberw\u00e4ltigend, in wenigen Tagen mehrere Gro\u00dfdemonstrationen und Streikversammlungen zu erleben.<\/p>\n<p>Mit 352.600 Einwohner*innen ist Antofa eine mittelgro\u00dfe Stadt. Direkt am Pazifik gelegen grenzt sie im Osten an die Atacama-W\u00fcste. \u201eAntofagasta ist Chiles wichtigste Bergbauregion\u201c, erz\u00e4hlt Galia Aguilera. \u201eSie verf\u00fcgt \u00fcber Investitionen von gro\u00dfen multinationalen Unternehmen wie BHP Billinton, Barrick Gold, AngloAmerican, Glencore, Friport McMoRan, unter anderem. Diese gro\u00dfen imperialistischen Unternehmen pl\u00fcndern nicht nur die Kupferressourcen, sondern auch das Lithium. In Chile befinden sich mehr als 50% der Weltreserven. In dieser Region werden 70% der Bergbau-Ressourcen exportiert. Es kann als eine der reichsten Regionen Chiles angesehen werden, aber gleichzeitig ist es eine der am st\u00e4rksten kontaminierten Regionen, insbesondere durch Schwermetalle, Arsen, Blei usw.\u201c<\/p>\n<p>Die 35-J\u00e4hrige Aguilera ist Geschichtslehrerin an der Grundschule, wo sie Kinder von vier bis 13 Jahren unterrichtet. Au\u00dferdem ist sie Teil der Gruppierung von Bildungsarbeiter*innen namens\u00a0<em>Nuestra Clase<\/em>, Unsere Klasse, welche klassenk\u00e4mpferische und anti-b\u00fcrokratische Bildungsarbeiter*innen \u2013 von Erzieher*innen und Aushilfen bis zu Lehrer*innen \u2013 zusammenbringt.<\/p>\n<p>\u201eDie Stadt Antofagasta hat einen der h\u00f6chsten Prozents\u00e4tze an Arbeitslosigkeit im Land, der bei 10% liegt. Die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung verdient weniger als 400.000 chilenische Pesos, w\u00e4hrend 63% des BIP [Bruttoinlandproduktes,\u00a0<em>lcm<\/em>] der Region aus dem Bergbau stammen, gibt es allein in der Stadt Antofagasta ein Defizit von mehr als 20.000 Sozialwohnungen. Dazu gibt es 3.000 Familien, die in Barracken leben, viele von ihnen haben nicht einmal Zugang zu grundlegender Infrastruktur wie Wasser und Strom\u201c so Galia. Die brutale ungleiche Entwicklung, welche so grundlegend f\u00fcr den Kapitalismus ist, wird in solchen Zahlen immer wieder sichtbar.<\/p>\n<p>Wir kommen bei Genoss*innen des\u00a0<em>Partido de Trabajadores Revolucionarios<\/em>\u00a0(PTR) unter, der Partei Revolution\u00e4rer Arbeiter*innen. Die PTR ist Teil der Trotzkistischen Fraktion f\u00fcr den Wiederaufbau der Vierten Internationale (auf Spanisch abgek\u00fcrzt FT-CI). Die FT-CI ist eine internationale Str\u00f6mung, die sich auf das Erbe der unter der Vorherrschaft Stalins gegr\u00fcndeten linken Opposition in der Sowjetunion und sp\u00e4ter dann der Vierten Internationale beruft. Alle sind in den Streik der Lehrer*innen involviert. Geschlafen wird wenig in diesen Tagen, denn als wir Mitte Juni vor Ort sind sind auch die Bergarbeiter*innen in Chuquicamata im Ausstand. Nach Chuquicamata sind es knapp drei Autostunden.<\/p>\n<p>Wir fahren zu einer Streikversammlung der Bergleute aus Chiquicamata in der n\u00e4chstgelegenen Stadt Calama. Es ist Winter, jedoch brennt die Sonne mittags immer noch ungemein durch die Autoschreiben. Links und Rechts erstreckt sich eine W\u00fcstenlandschaft. Immer wieder tauchen verlassene D\u00f6rfer am Stra\u00dfenrand auf. \u201eDas sind alles Geisterst\u00e4dte\u201c, erkl\u00e4rt uns Lester Calder\u00f3n, der Fahrer. Lester ist Vorsitzender der Gewerkschaft ORICA Chile und nationaler Leiter des Verbandes der Arbeiter in Industrie und Metallindustrie. \u201eDies hier waren alles Wohnquartiere von den Arbeitern der Salpeterminen.\u201c Der Salpeterabbau war besonders wichtig zu jener Zeit, als man Minerald\u00fcnger noch nicht synthetisch mit dem Stickstoff in der Luft herstellen konnte. \u201eIn den 1930er- und 40er-Jahren wurden die Salpeterminen dann geschlossen. Und so sind tausende Arbeiter und ihre Familien zur\u00fcck, meist nach S\u00fcdchile gegangen.\u201c Lester ist der erste Trotzkist mit einem Trotzki-Tattoo, den ich kennenlerne. Er schmuntzelt: \u201eDer Trotzkismus ist nicht besonders verbreitet in Chile und dies kommt vor allem durch unsere grundlegende Kritik an Allende. Eine derartige Kritik von links wird hier nicht gern gesehen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Salvador Allende und die\u00a0<em>Unidad Popular<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Als Kandidat der\u00a0<em>Unidad Popular<\/em>, einer Wahlfront bestehend aus verschiedenen linken Parteien, gewann 1970 Salvador Allende die demokratischen Wahlen zum Pr\u00e4sidenten. Seine Wahlversprechen schienen f\u00fcr viele im Andenstaat sozialistisch: Verstaatlichung aller Schl\u00fcsselindustrien des Landes, inkl. der wichtigen Kupferbergwerke, Beschleunigung der Agrarreform, Einfrieren der Warenpreise, Erh\u00f6hung der L\u00f6hne aller Arbeiter*innen, \u00c4nderung der Verfassung und Schaffung einer einzigen Kammer. Und tats\u00e4chlich machte sich die Wahlfront samt Pr\u00e4sidenten an die Umsetzung einiger dieser Versprechen. Die progressiven Reformen kamen dabei vor allem der lohnabh\u00e4ngigen Bev\u00f6lkerung zu Gute. Die Popularit\u00e4t von Allende wuchs rasant. Kritik von links \u2013 bezogen auf die B\u00fcrokratisierung der Gewerkschaften zum Beispiel, oder auch an der nicht Bewaffnung der Arbeiter*innen \u2013 wurde als \u201eLinksradikalismus\u201c oder gar als \u201ekonterrevolution\u00e4r\u201c abgetan.<\/p>\n<p>Am 11. September 1973 bombardierte dann die chilenische Luftwaffe auf Befehl des Generals Augusto Pinochets, und mit R\u00fcckhalt der USA und einer Gruppe von in den USA ausgebildeten radikalen Neoliberalen \u2013 den Chicago-Boys \u2013, das chilenische Parlament. Allende wurde umgebracht. In den kommenden fast 20 Jahren Milit\u00e4rdiktatur wurden tausende Kommunist*innen, Sozialist*innen, Sozialdemokrat*innen, Gewerkschafter*innen sowie nicht organisierte Arbeiter*innen und B\u00e4uer*innen systematisch gefoltert und massakriert. Dabei konnte die Milit\u00e4rjunta um Pinochet so frei walten, da die USA und viele weitere lateinamerikanische und europ\u00e4ische L\u00e4nder wie Argentinien oder Gro\u00dfbritannien die brutale Niederschlagung eines demokratischen Versuches mit sozialistischen Z\u00fcgen begr\u00fc\u00dften. Der chilenische Geheimdienst schloss sich mit jenen der anderen ultrarechten, diktatorischen Regimes Lateinamerikas in der\u00a0<em>Operation Condor<\/em>\u00a0zusammen, um die m\u00f6rderische Repression gegen die aufkommende \u201ekommunistische Gefahr\u201c gezielter umzusetzen.<\/p>\n<p>Die Kritik der PTR richtet sich gegen die Strategie des \u201eSozialismus durch Wahlen.\u201c \u201eNat\u00fcrlich weisen wir den vom Imperialismus fabrizierten Coup zur\u00fcck. Aber wir denken, dass Allende nun mal im Vorhinein auch viele Fehler gemacht hat, aufgrund derer es erst so gekommen ist, wie es kam\u201c so Lester. Der Unidad Popular ging es, laut linker Kritik, nicht um Arbeitermacht. Ein zentraler Irrtum war die Vorstellung, die Macht in einer b\u00fcrgerlichen Demokratie durch Wahlen zu erlangen, dieses System trotz seiner inneren Widerspr\u00fcche und Zw\u00e4nge verwalten zu k\u00f6nnen und auf mehr oder weniger friedlichem Wege durch Reformen in den Sozialismus \u201ehineinzuwachsen,\u201c statt eine Revolution unter F\u00fchrung der Arbeiter*innenklasse voranzubringen. Vieles an eigenst\u00e4ndiger viel radikalerer Organisierung und Forderungen der Arbeiter*innen in Chile wurde gehemmt und umgekehrt wurden viele der radikaleren Reformen erst durch Druck an der Basis umgesetzt. Die Fabriken und Betreibe wurden zum Beispiel nicht den Arbeiter*innen zur Verwaltung \u00fcbergeben. Die Bosse, wenn auch von verstaatlichten Unternehmen, blieben also. Als dann immer deutlicher wurde, dass der Coup kommen w\u00fcrde, forderten die Arbeiter*innen, dass sie bewaffnet werden. Dies hat die Allende-Regierung jedoch hinausgez\u00f6gert. Und als dann der Coup kam, wurden tausende Menschen einfach niedergemetzelt.<\/p>\n<p><strong>Streik in der Schule, Streik im Bergbau<\/strong><\/p>\n<p>Als wir in Calama ankommen ist die Sonne bereits weg und es ist eiskalt. Calama ist eine der trockensten St\u00e4dte der Welt \u2013 hier regnet es nie. Es ist ziemlich trostlos und recht grau. In einem vollen Saal im Erdgeschoss eines Hotels kommen tausende Arbeiter*innen der Mine in Chiquicamata zur Streikversammlung zusammen. Nur mit starker Verz\u00f6gerung kann mit den ersten Gru\u00dfworten begonnen werden.<\/p>\n<p>Nicol\u00e1s Bustamente ist entlassener Eisenbahner und ebenfalls Mitglied der PTR. In seiner orangenen Eisenbahner-Jacke spricht er zu den Kumpeln. \u201eEuer Streik ist machtvoll. Jedoch kann er noch machtvoller werden, wenn wir die verschiedenen Sektoren, die von dieser neoliberalen Politik betroffen sind, erreichen. Denn nur gemeinsam sind wir stark!\u201c Unter tosendem Beifall nimmt Carla Ram\u00edrez G\u00e1lvez das Mikrofon.\u00a0<a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2019\/07\/03\/streik-der-lehrkrafte-in-chile\/\">Die 33-J\u00e4hrige ist Erzieherin und Delegierte der Patricio-Cariola-Schule aus Antofagasta<\/a>. \u201eGenossinnen und Genossen. Wir sind heute hier, um uns mit eurem gerechtem Kampf zu solidarisieren. Denn ihr seid diejenigen, die den Reichtum Chiles schaffen!\u201c Die gesamte Halle steht auf. \u201eStreik! Streik! Streik!\u201c hallt es. \u201eJetzt ist es Zeit, uns nicht spalten zu lassen, und gemeinsam gegen diese Politik zu k\u00e4mpfen, die uns alles raubt.\u201c \u201eLang leben die Lehrer!\u201c rufen Einzelne. In den Tagen nach der Streikversammlung finden gemeinsame Aktionen, von Bergarbeiter*innen, Lehrer*innen und Arbeitern der Flie\u00dfbandfirma Conveyor statt.<\/p>\n<p>Nach einigen eindrucksvollen Tagen im n\u00f6rdlichen Antofa geht es f\u00fcr uns weiter Richtung Hauptstadt Santiago de Chile.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2019\/08\/08\/multinationale-konzerne-und-streik-das-noerdliche-chile\/\">lowerclassmag.com&#8230;<\/a> vom 10. August 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eleonora Rold\u00e1n Mend\u00edvil. 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