{"id":5537,"date":"2019-06-21T10:29:23","date_gmt":"2019-06-21T08:29:23","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5537"},"modified":"2019-06-21T10:29:24","modified_gmt":"2019-06-21T08:29:24","slug":"schweiz-nach-dem-14-juni-eine-erste-bilanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/?p=5537","title":{"rendered":"Schweiz: Nach dem 14. Juni: Eine erste Bilanz"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dersu Heri.<\/em> <strong>Der Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni nahm in vielen St\u00e4dten einen wahren Massencharakter an. Wie kam es dazu? Und welche Schlussfolgerungen<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <strong>k\u00f6nnen wir aus der gr\u00f6ssten Mobilisierung seit Jahrzehnten ziehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber 500\u2019000 Menschen\ngingen am vergangenen Freitag \u00fcberall im Land auf die Strasse. Diese gewaltige\nMasse \u00fcbersteigt somit jene der grossen Mobilisierungen gegen den Krieg im Irak\n2003 und auch jene vom historischen Frauenstreik vom 14. Juni 1991. In vielen\nSt\u00e4dten waren es die gr\u00f6ssten Demonstrationen der letzten 50 Jahre. Der\nEnthusiasmus und die Kampfbereitschaft waren \u00fcberall deutlich zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aktuell ist eine\nregelrechte Politisierungswelle im Gange, zumindest in der Jugend. Der\nKlimastreik zog im Fr\u00fchling mehrmals Zehntausende auf die Strasse, was f\u00fcr die\nSchweiz eine ausserordentliche Mobilisierung darstellt. Dies best\u00e4tigt die Perspektive\nder MarxistInnen der letzten Jahre. Wie zuletzt ausf\u00fchrlich in unserem&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/c27-schweiz\/perspektive-des-klassenkampfes-in-der-schweiz-2019-teil-1\/\">Perspektiven-Dokument<\/a>&nbsp;beschrieben,\nd\u00fcrfen wir uns nicht von der oberfl\u00e4chlichen Ruhe t\u00e4uschen lassen. Auch in der\nscheinbar stabilen Schweiz staut sich der Unmut \u00fcber die bestehenden\nVerh\u00e4ltnisse an. Dieser Unmut konnte noch keinen Ausdruck finden \u2013 bis vor\nKurzem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten Jahren\nhaben wir ein weltweites Aufkeimen der K\u00e4mpfe gegen Frauenunterdr\u00fcckung und\nzuletzt auch f\u00fcrs Klima gesehen. Die Bewegungen in der Schweiz sind also weder\nzuf\u00e4llig noch eine Schweizer Eigenheit. Sie sind Teil einer internationalen\nEntwicklung, deren Fundament die organische Krise des Kapitalismus bildet. Und\ndiese Krise trifft die Frauen \u00fcberall besonders stark. Das kapitalistische\nSystem entbl\u00f6sst immer mehr seine Unf\u00e4higkeit, den Jungen und ArbeiterInnen ein\ngutes Leben ohne Unterdr\u00fcckung zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Frauen in der reaktion\u00e4ren\nSchweiz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gr\u00fcnde zu streiken\ngibt es f\u00fcr die Frauen in Schweiz unz\u00e4hlige. Das beginnt mit der grossen\nDoppelbelastung. M\u00fctter mit Kleinkindern leisten bis zu 46 Stunden unbezahlte\nHausarbeit pro Woche. In nur 5% der Haushalte \u00fcbernimmt \u00fcberwiegend der Mann\ndie Hausarbeit. Zus\u00e4tzlich gehen 80% der Frauen einer Lohnarbeit nach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese heftige\nDoppelbelastung wird durch eine echte Schweizer Eigenheit m\u00f6glich gemacht:\nDie&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/teilzeitarbeit-grundpfeiler-der-schweizer-frauenunterdrueckung\/\">Teilzeitarbeit<\/a>.\n60% der Frauen arbeiten Teilzeit, was den weltweit zweith\u00f6chsten Anteil\nbedeutet. F\u00fcr diese \u201eM\u00f6glichkeit\u201c sollen die Frauen aber ihrem Kapitalisten\ngef\u00e4lligst dankbar sein und miese Arbeitsbedingungen akzeptieren!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Position der Frau\nin der Familie und der Gesellschaft wird durch die&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/schweizer-kapitalismus-und-lohndiskriminierung\/\">hohe\nLohnungleichheit<\/a>&nbsp;von fast 20% zementiert. Dadurch ist es klar, dass\nFamilien sich tendenziell eher dazu entscheiden, der Frau die Haus- und\nschliesslich auch die Teilzeitarbeit aufzuhalsen. So kommen die Teilzeit-Frauen\ndurchschnittlich f\u00fcr nur 24% der Familieneinkommen auf. Damit sind die Frauen\nmateriell von den M\u00e4nnern abh\u00e4ngig. Diese Abh\u00e4ngigkeit stellt ein wichtiges\nElement der Frauenunterdr\u00fcckung in allen ihren h\u00e4sslichen Facetten dar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die\nFrauenunterdr\u00fcckung dr\u00e4ngt in alle sozialen Bereiche ein. Am Arbeitsplatz sind\n31% der Frauen in der Schweiz mindestens einmal bel\u00e4stigt worden. 63% der\nFrauen geben an, in den vergangenen 12 Monaten in der \u00d6ffentlichkeit bel\u00e4stigt\nworden zu sein. Bez\u00fcglich der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/eingepruegelte-geschlechterrollen\/\">h\u00e4uslichen\nGewalt<\/a>&nbsp;an Frauen wurde zwischen 2012 und 2016 gar eine Zunahme von 12%\nverzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die tiefgr\u00fcndige\nFrauenunterdr\u00fcckung in der Schweiz f\u00e4llt nicht vom Himmel. Sie ist das Resultat\n\u2013 und gleichzeitig ein Stabilisator \u2013 des erzreaktion\u00e4ren Schweizer\nKapitalismus. Das Frauenstimmrecht wurde erst 1971 eingef\u00fchrt. Vergewaltigung\nin der Ehe galt bis 1992 juristisch gar nicht als Vergewaltigung und erst seit\n2004 ist sie (wie auch Vergewaltigung ausserhalb der Ehe) ein Offizialdelikt,\ndas von den Beh\u00f6rden auch ohne Anzeige verfolgt werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein weiterer\nentscheidender Faktor ist der schlecht ausgebaute Sozialstaat in der Schweiz.\nDie Schweiz ist das zweitletzt platzierte Land in West- und Nordeuropa\nbetreffend finanzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr Familien. Auch die Betreuung der Alten\nund Menschen mit Behinderung (ebenfalls mehrheitlich von Frauen erledigt) wird\nin der Schweiz speziell stark in die Verantwortung der Privathaushalte gelegt:\nW\u00e4hrend in den OECD-L\u00e4ndern durchschnittlich 85% der Langzeitpflege staatlich\nfinanziert oder subventioniert wird, liegt dieser Anteil in der Schweiz bei\nunter 40%. Das Kinderkrippen-Angebot deckt nur 11% der Kinder in der Schweiz\nab. Und schliesslich kommt noch die v\u00f6llige Abwesenheit eines gesetzlichen\nVaterschaftsurlaubs dazu, wobei schon der gesetzliche Mutterschaftsurlaub von\n14 Wochen unglaublich kurz ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies zeigt deutlich\nauf, dass der Kapitalismus den Frauen (und M\u00e4nnern) immer weniger zu bieten\nhat. Immer mehr Menschen werden sich dessen bewusst und sind bereit, dagegen\nanzuk\u00e4mpfen. Dies muss f\u00fcr alle linken Organisationen eine der wichtigsten\nErkenntnisse aus der riesigen Mobilisierung vom 14. Juni sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die grossen\nParteien und insbesondere die Gewerkschaften hinken diesen Entwicklungen im\nBewusstsein der Lohnabh\u00e4ngigen und Jungen stark hinterher. Seit jeher sind sie\nbei den Frauen schlecht verankert. Dies dr\u00fcckt sich in den sehr tiefen Zahlen\nvon Gewerkschaftsmitgliedern in \u201etypischen Frauenberufen\u201c aus: Unterrichtswesen\nund Erziehung 6%, Gesundheitswesen 3%, Reinigung 6%. Der tiefe\nOrganisationsgrad bedeutet, dass die Frauen kaum organisierte K\u00e4mpfe f\u00fchren\nkonnten. Somit tragen die Gewerkschaften eine Hauptverantwortung f\u00fcr die\nschlechten Lebensbedingungen der Frauen in der Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Symbolpolitik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ursprung des\nFrauenstreiks stehen auch nicht die grossen Organisationen, sondern vereinzelte\n(teilweise f\u00fchrende) Gewerkschafterinnen und feministische Aktivistinnen. Die\nIdee wurde nach dem gigantischen 8. M\u00e4rz 2018 in Spanien \u2013 wo 6 Millionen\nMenschen die Strassen st\u00fcrmten \u2013 lanciert. Als Datum f\u00fcr den Schweizer\nFrauenstreik wurde der 14. Juni gew\u00e4hlt \u2013 der Tag des historischen\nFrauenstreiks von 1991.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch damals haben\neine halbe Million Menschen teilgenommen. Im Zentrum stand der \u201eGleichstellungsartikel\u201c.\nDieser war bereits 1981 in die Verfassung aufgenommen worden, wo er jedoch ein\nleeres Versprechen geblieben war. Der Frauenstreik von 1991 war \u2013 wie jener\nheute \u2013 eine Massendemonstration gegen die r\u00fcckst\u00e4ndigen Verh\u00e4ltnisse in der Schweiz.\nDoch die damalige Frauenstreik-Bewegung wurde schnell ersetzt durch eine\n\u201eSymbolpolitik\u201c, wie wir an&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/frauenstreik-und-aushaengeschild-politik\/\">anderer\nStelle ausf\u00fchrlich analysiert haben<\/a>. Das heisst, dass Frauen in Regierung\nund Parlamente gew\u00e4hlt werden und dort die Mobilisierungen auf der Strasse\nersetzen sollten. Die Tatsache, dass sich in den vergangenen 28 Jahren die\nSituation der Frauen in der Schweiz eigentlich nicht verbessert hat, ist\nausreichend, um das Scheitern dieser Politik aufzuzeigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch diese wichtige\nLehre wurde nicht gezogen. Auch heute geh\u00f6rt es zur bewussten Strategie der\nGewerkschaften, ihre fehlende Verankerung durch symbolische Aktionen und\nKampagnen zu kompensieren. Dazu z\u00e4hlt bis zu einem gewissen Grad auch das\nProjekt des Frauenstreiks. Die Gewerkschaften glaubten, mit der Ausrufung des\nStreiks eine Abk\u00fcrzung gefunden zu haben, welche ihnen die langfristige,\nm\u00fchselige, aber schlicht notwendige Aufbauarbeit in den Frauensektoren erspart.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der riesige\nEnthusiasmus am vergangenen Freitag zeigt deutlich, welche enorme Kraft das\nThema der Frauenunterdr\u00fcckung lostreten kann. Wir kritisieren aber, dass die\nVorbereitung dieses Kampftags nicht dazu genutzt wurde, eine l<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/frauenstreik-2019-wie-voran-ein-programmvorschlag-der-marxistischen-stroemung-der-funke\/\">\u00e4ngerfristige\ngewerkschaftliche Verankerung<\/a>&nbsp;aufzubauen. Schliesslich wurde der 14.\nJuni als ein einziger isolierter Aktionstag organisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Rolle der\nOrganisatorInnen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 14. Juni 2019\nhaben die Massen in der Schweiz gezeigt, dass sie bereit sind, f\u00fcr bessere\nLebensbedingungen zu k\u00e4mpfen. Dennoch war es f\u00fcr die allermeisten\nLohnabh\u00e4ngigen in der Schweiz an diesem Tag unm\u00f6glich, an ihrem Arbeitsplatz zu\nk\u00e4mpfen. Isoliert konnten sie ihrem Patron nicht die wirklichen\nKr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse im Betrieb aufzeigen. Hunderttausende kampfbereite\nArbeiterInnen konnten \u201enur\u201c an den gewaltigen Massendemonstrationen teilnehmen.\nDies ist die Schuld der Gewerkschaften.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn die\nGewerkschaften hatten erst gar nie versucht, aus dem 14. Juni einen Streiktag\nzu machen. Von Anfang an haben sie ausschliesslich&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/ernsthaft-streiken-nicht-symbolisch-handeln\/\">f\u00fcr\neinen Aktionstag mobilisiert<\/a>. Das heisst f\u00fcr die Demo am Ende des Tages\nsowie symbolischen Kleinaktionen wie eine zweite Kaffee-Pause um 11h. Dieses\npassive Verhalten erkl\u00e4rten die Gewerkschaften mit zwei Ausreden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einerseits seien,\ngem\u00e4ss den Gewerkschaften und den OrganisatorInnen des Frauenstreiks, die Leute\nin der Schweiz \u201enicht bereit f\u00fcr einen Streik\u201c, wobei die fehlende\nStreiktradition in der Schweiz eine wichtige Rolle spiele. Dabei verschliessen\nsie schlicht die Augen vor der Tatsache, dass es eben genau&nbsp;<em>ihre&nbsp;<\/em>Aufgabe\nw\u00e4re, eine Streiktradition aufzubauen und so die Lohnabh\u00e4ngigen f\u00fcr einen\nStreik bereit zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Massen am 14.\nJuni haben klar zu verstehen gegeben, dass sie k\u00e4mpfen wollen. Wenn endlich\njemand zum Kampf aufruft, dann ist die Energie riesig. Zu sagen, die\nArbeiterInnen seien nicht bereit ist eine massive Untersch\u00e4tzung. Der Mangel an\nVertrauen in die Kraft der Arbeiterklasse ist eine entscheidende Eigenschaft\nder ReformistInnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite Ausrede\nf\u00fcr die Abwesenheit von Streikmobilisierungen am Arbeitsplatz ist eine\nverheerende Verwirrung bez\u00fcglich des Streiks als Kampfmittel. Gem\u00e4ss den\nfeministischen OrganisatorInnen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/antwort-auf-eine-feministin\/\">muss\nder \u201eStreikbegriff ausgedehnt\u201c<\/a>&nbsp;werden, da Frauenunterdr\u00fcckung nicht\nnur am Arbeitsplatz stattfinde. Der \u201eStreik ist vielf\u00e4ltig\u201c, war ihre Parole.\nDas bedeutet, dass \u00fcberall gestreikt und alles und jeder bestreikt werden\nk\u00f6nne. Insbesondere sei ein Hausarbeitsstreik genauso effektiv f\u00fcr die\nFrauenbefreiung wie jeder andere Streik. Das Ziel sei die \u201eSichtbarmachung\u201c der\nprek\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse der Frauen. Deshalb galten den Organisatorinnen auch alle\nAktionen als Streik, die ein \u201cZeichen setzen\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Streik als\neffektivstes Kampfmittel der Arbeiterklasse<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir m\u00fcssen diese\nPolitik als das bezeichnen, was sie ist: Reformismus, das heisst ein aktives\nHemmnis f\u00fcr die Weiterentwicklung der K\u00e4mpfe. Mit dem Fokus auf die\n\u201eSichtbarmachung\u201c wird davon ausgegangen, dass wir einfach nur aufzeigen\nm\u00fcssen, wie prek\u00e4r die Situation der Frauen ist. Wurde dies endlich einmal\ngetan, dann wird sich diese Situation auch \u00e4ndern. Wer die aktive Kraft sein\nsoll, welche die Gesellschaft ver\u00e4ndert, wird dabei ignoriert. Schlussendlich\nwird die Ver\u00e4nderung an eine andere Instanz abgegeben, in der Realit\u00e4t an den\nb\u00fcrgerlichen Staat. Und somit an genau jene Regierungen und Parlamente, welche\nseit Jahrzehnten nur Verschlechterungen und Sparmassnahmen verabschieden.\nAnders gesagt: \u201eSichtbarmachung\u201c ist eine Ausrede!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir MarxistInnen\nverteidigen den Grundsatz, dass sich die ArbeiterInnenklasse nur selbst\nbefreien kann. Das gilt genauso f\u00fcr die Frauenunterdr\u00fcckung. In diesem\nunmenschlichen System wird die t\u00e4gliche Situation der Frauen immer qu\u00e4lender.\nIhre eigene Situation ist f\u00fcr sie nicht nur \u201csichtbar\u201d, sondern sogar physisch\nunertr\u00e4glich. Doch an dieser Situation wird sich solange nichts \u00e4ndern, bis sie\nselber, gemeinsam, den Kampf gegen diese Bedingungen aufnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlussendlich stellt\nsich gerade im Frauenstreik die Frage,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/soziale-reproduktion-wie-wir-den-kampf-gegen-die-frauenunterdrueckung-fuehren\/\">welche\npolitische Praxis<\/a>&nbsp;das Leben der arbeitenden Frauen wirklich\nverbessert. Begn\u00fcgen wir uns mit Symbolpolitik und der Instrumentalisierung der\nBewegung durch reformistische PolitikerInnen, welche am Schluss irgendeinen\nheuchlerischen Kompromiss im Parlament als grossen Sieg der Bewegung verkaufen?\nOder schauen wir der Realit\u00e4t ins Auge und akzeptieren, dass in der aktuellen\nPeriode nur harte, reale K\u00e4mpfe echte Verbesserungen bringen werden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist eine Tatsache,\ndass der Arbeitsplatz der effektivste Ort ist, an welchem sich die Frauen gegen\nihre Unterdr\u00fcckung und gegen den Kapitalismus organisieren k\u00f6nnen. Fast 80% der\nFrauen in der Schweiz gehen einer Lohnarbeit nach. Dies bedeutet, dass die\nFrauen in den Betrieben konzentriert sind, was ihre Organisierung stark\nvereinfacht. Die Organisierung der Frauen in den Haushalten \u2013 also ein\n\u201eHausarbeitsstreik\u201c \u2013 ist hingegen deutlich schwieriger und ineffizienter. Denn\ndort stehen wir 3.7 Millionen Haushalten gegen\u00fcber, welche vereinzelte und\nisolierte Einheiten darstellen. Und vor allem greifen wir mit der Organisierung\nam Arbeitsplatz direkt die Kapitalisten an,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/familie-herd-und-kind-quelle-der-unterdrueckung\/\">die\ngleich mehrfach von der Frauenunterdr\u00fcckung profitieren<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Violet-Washing<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es bestand somit ein\nglasklarer Widerspruch zwischen jener Politik, die objektiv n\u00f6tig w\u00e4re, um die\nFrauenunterdr\u00fcckung zu bek\u00e4mpfen \u2013 und der Art und Weise wie der 14. Juni\ntats\u00e4chlich organisiert wurde. Daraus erkl\u00e4rt sich auch die teilweise\nwiderspr\u00fcchliche Reaktion der Schweizer Bourgeoisie auf den Frauenstreik. Die\nbewusstesten Schichten der herrschenden Klasse sind seit jeher stolz darauf,\ndass es in der Schweiz kaum Streiks gibt und wollten diese \u201eErrungenschaft\u201c\nauch im Frauenstreik verteidigen. Magdalena Martullo-Blocher \u2013\nSVP-Nationalr\u00e4tin, Milliard\u00e4rin und Tochter vom Schweizer Chef-Bourgeois\nChristoph Blocher \u2013 drohte ihren tausenden Angestellten mit der K\u00fcndigung,\nsollten sie am 14. Juni tats\u00e4chlich streiken. \u00c4hnlich t\u00f6nte es bei anderen\nUnternehmen, beispielsweise der Fluggesellschaft Swiss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die meisten\nPatrons und b\u00fcrgerlichen Politiker gingen weniger auf Konfrontationskurs. Sie\nwaren sich bewusst, dass eigentlich keine Gefahr bestand, dass tats\u00e4chlich am\nArbeitsplatz gestreikt w\u00fcrde. Sie boten den vereinzelten streikwilligen Frauen\n\u00f6ffentlich an, Ferien zu nehmen oder die Arbeitszeiten flexibel auslegen \u201ezu\nd\u00fcrfen\u201c. Damit versuchten sie, sich als \u201eprogressive Arbeitgeber\u201c zu\npr\u00e4sentieren. Dennoch verwiesen sie eigentlich allesamt vehement auf die\nEinhaltung des faktischen Streikverbots in der Schweiz. Bei den b\u00fcrgerlichen\nMedien war der Tenor \u00e4hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In verschiedenen\nArtikeln und Pr\u00e4sentationen haben wir uns deutlich gegen diese und \u00e4hnliche\nFormen des \u201eb\u00fcrgerlichen Feminismus\u201c gestellt. Doch wir m\u00fcssen auch klar sagen,\ndass dieses vermeintlich wohlwollende Verhalten der Bosse nur m\u00f6glich war, weil\nsie gar nicht wirklich herausgefordert wurden. Da keine Organisierung am\nArbeitsplatz auf einer festen Klassenbasis stattfand, waren die Schweizer\nKapitalisten nie von einem tats\u00e4chlichen Streik bedroht und mussten somit ihr\nh\u00e4ssliches reaktion\u00e4res Gesicht kaum entbl\u00f6ssen. So konnten die weltgr\u00f6ssten\nKapitalisten wie die Credit Suisse behaupten, \u201cIn Unterst\u00fctzung des Spirits des\nFrauenstreiks\u201d allen Angestellten die Teilnahme erm\u00f6glichen zu wollen. Diese\nverharmlosende Auslegung des Kampfes gegen die Frauenunterdr\u00fcckung durch die\nB\u00fcrgerlichen ist nur das Spiegelbild der harmlosen Methoden der f\u00fchrenden\nOrganisatorinnen des Frauenstreiks!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch der 14. Juni war\nebenfalls von grosser Perspektivlosigkeit gepr\u00e4gt. Dies ist eine direkte Folge\nder Art und Weise, wie der Frauenstreik organisiert wurde, n\u00e4mlich als\neinzelner isolierter Aktionstag. Keine einzige Organisation \u2013 abgesehen von der\nmarxistischen Str\u00f6mung&nbsp;<em>der Funke&nbsp;<\/em>\u2013 stellte am Tag selbst die\nalles entscheidende Wie-Weiter-Frage. Die Massen haben ihre Ernsthaftigkeit im\nKampf gegen die Frauenunterdr\u00fcckung unter Beweis gestellt. Dabei sind sich alle\nv\u00f6llig bewusst, dass Sexismus und prek\u00e4re Lebensverh\u00e4ltnisse nicht an einem\neinzigen Tag \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Die arbeitenden Frauen und M\u00e4nner in der\nSchweiz suchen st\u00fcrmisch nach Antworten!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nochmals: Die massive\nTeilnahme am 14. Juni hat aufgezeigt, dass die Gewerkschaften und\nOrganisatorInnen deutlich dem Bewusstsein der Massen hinterherhinken. Die Forderungen\nder Organisationskomitees und der Gewerkschaften waren in den Massendemos\ng\u00e4nzlich unsichtbar. Die Tatsache, dass sich die Massen beginnen, \u00fcber die\nPassivit\u00e4t der Organisatoren hinwegzusetzen, ist eine sehr positive\nEntwicklung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Magischer 14. Juni<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die fehlende\nVerankerung der Gewerkschaften hat somit nicht verhindert, dass der 14. Juni\nder gr\u00f6sste Kampftag in der Schweiz seit Jahrzehnten war. Zwar wurde\nschweizweit eigentlich nicht gestreikt, dennoch kam es zu vereinzelten \u00e4usserst\nk\u00e4mpferischen Streikaktionen. Die Krippen in Genf und Z\u00fcrich stehen dabei klar\nan der Spitze. Die angestellten Frauen hatten sich jeweils am Arbeitsplatz\nselber organisiert und gemeinsam entschieden, am 14. Juni effektiv zu streiken.\nDurch den grossen Frauenanteil mussten die meisten Krippen an diesem Tag\n(fr\u00fcher) schliessen, da die wenigen angestellten M\u00e4nner den Betrieb nicht\nalleine h\u00e4tten stemmen k\u00f6nnen. \u00dcberall im Land, auch in Kleinst\u00e4dten und\nD\u00f6rfern, fanden verl\u00e4ngerte Pausen, Streikkaffees und Quartierpicknicks statt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die\nDemonstrationen am Nachmittag \u00fcbertrafen alles, was die allermeisten Anwesenden\nin ihrem politischen Leben bisher erlebt hatten. Aus allen Himmelsrichtungen\nstr\u00f6mten regelrechte Massen auf Versammlungsorte f\u00fcr die Demo. Ab 15.24 Uhr\nlegten zahlreiche Frauen (und M\u00e4nner) tats\u00e4chlich die Arbeit nieder \u2013 am\nsymbolischen Zeitpunkt, ab welchem die Frauenl\u00f6hne diskriminiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An den Umz\u00fcgen war\ndie Stimmung enorm solidarisch und ber\u00fchrend. Eine grosse Gruppe von Muslimas\nin Genf, die sich in ihrer Gemeinschaft f\u00fcr die Demo organisiert hatten, war\nbesonders elektrisierend. Sie forderten: \u201eWir wollen gute Arbeit leisten, wir\nwollen gute L\u00f6hne daf\u00fcr bekommen, und haltet eure Fresse wegen unserer\nKopft\u00fccher!\u201c Auff\u00e4llig war die grosse Anzahl an jungen Sch\u00fclerInnen und\nStudentInnen. Sie hassen den Sexismus, sie hassen das System, sie wollen es\njetzt bek\u00e4mpfen. Die meisten hatten bereits an den Klimastreik-Demos\nteilgenommen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hat eine ganze Generation an\nJugendlichen in der Schweiz echte Kampferfahrungen in verschiedenen Bewegungen!\nEs wurde auch deutlich, dass in diesen Massen der kleinb\u00fcrgerliche Feminismus\nkeinerlei Anklang findet. M\u00e4nner wurden \u00fcberall solidarisch aufgenommen, die\nNotwendigkeit gemeinsam zu k\u00e4mpfen war augenscheinlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Frauenstreik 2019 \u2013\nWie weiter?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz verschiedene\nSchichten der Bev\u00f6lkerung nahmen teil, was den Massencharakter unterstreicht.\nAuf den ersten Blick bilden die riesige Liste der angeprangerten\nDiskriminierungsformen und die zahlreichen Forderungen ein unscharfes Bild der\nProbleme und Bed\u00fcrfnisse der Frauen in der Schweiz. Zu erkennen sind jedoch\nrelativ klar die Konturen der Diskriminierungserfahrungen, welche\nlohnabh\u00e4ngigen Frauen und Frauen in Ausbildung heute erfahren und wie die Frauenunterdr\u00fcckung\ntief in alle sozialen Bereiche eindringt. Dies zeigt klar auf: Der systemische\nCharakter der Frauenunterdr\u00fcckung ist keinesfalls eine rein theoretische Frage,\nes ist die t\u00e4gliche Lebensrealit\u00e4t von Millionen von Frauen in der Schweiz. Die\nL\u00f6sung f\u00fcr alle diese unterschiedlichen Forderungen liegt in der \u00dcberwindung\ndes Kapitalismus. Und nur die Arbeiterklasse hat die Macht, das kapitalistische\nSystem zu Fall zu bringen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der heutigen\nKrisenperiode k\u00f6nnen auch kleine Reformen nur mit revolution\u00e4ren Methoden\nerk\u00e4mpft werden. Dies bedeutet Streiks und Demos gegen die Kapitalistenklasse!\nDas revolution\u00e4re Programm ist insofern auch keine \u201cMeinung\u201d unter anderen,\nsondern die konsequente Ausarbeitung der Forderungen der Frauenstreikbewegung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[\u2026] Wir verteidigten\nden ganzen Tag hindurch unsere Forderung nach der Vergesellschaftung der\nHausarbeit: gratis Krippen f\u00fcr alle, \u00f6ffentliche W\u00e4schereien, Kantinen in den\nQuartieren und Betrieben. Die Forderung spricht zahlreiche Probleme an, welche\ndie proletarischen Familien und insbesondere Frauen in der Schweiz t\u00e4glich\nerleben. Die Vergesellschaftung der Hausarbeit w\u00fcrde ganz offensichtlich ein\nMeilenstein in der Emanzipation der Frau bedeuten. Doch sie ist im Kapitalismus\nschlicht nicht m\u00f6glich. Auch deshalb ist der revolution\u00e4re Kampf eine\nNotwendigkeit!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der 14. Juni 2019\nk\u00f6nnte ein Wendepunkt im Klassenkampf in der Schweiz darstellen.\nHunderttausende Lohnabh\u00e4ngige und Junge haben ihre ersten Kampferfahrungen\ngemacht, was zweifellos einen grossen Einfluss auf ihr Bewusstsein haben wird.\nSie alle haben erkannt, dass die Frauenunterdr\u00fcckung nicht individuell bek\u00e4mpft\nwerden kann. Sie haben die Kraft der Massen und der Solidarit\u00e4t gesp\u00fcrt. Das\ndr\u00e4ngt sie nicht automatisch und auf einen Schlag zu revolution\u00e4ren Schlussfolgerungen,\naber das wird bleibende Auswirkungen auf ihr Bewusstsein haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die aktuelle\nPolitisierungswelle mit Klima- und Frauenstreik stellt einen Bruch mit dem\nansonsten sehr tiefen Kampfniveau in der Schweiz dar. Das best\u00e4tigt unsere\nPerspektive, dass es auch in der scheinbar ruhigen Schweiz unter der Oberfl\u00e4che\nbrodelt und sich die Jugend und die unterdr\u00fccktesten Schichten radikalisieren.\nDass dieser Unmut mit dem bestehenden System und den zahlreichen Formen der\nUnterdr\u00fcckung bisher noch keinen politischen Ausdruck gefunden haben, liegt nur\ndaran, dass die Massenorganisationen der Arbeiterklasse unf\u00e4hig sind, dem\nunterschwelligen Unmut einen Ausdruck zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die\nMassenmobilisierung vom 14. Juni beweist: Das Potenzial f\u00fcr marxistische Ideen\nist riesig. Wir m\u00fcssen uns auf weitere Radikalisierungswellen vorbereiten, denn\nder Kapitalismus in der Krise ist unf\u00e4hig, die Lebensbedingungen der Menschen\nnachhaltig zu verbessern. [\u2026].<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oder wie es eine\njunge Genossin ausgedr\u00fcckt hat: \u201cEinmal kurz an den 14. Juni zur\u00fcckdenken, dann\nweisst du sofort, weshalb es sich lohnt, und weshalb es eine Notwendigkeit ist,\nt\u00e4glich f\u00fcr die Arbeiterklasse und die Revolution zu k\u00e4mpfen!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/allgemein-de\/nach-dem-14-juni-eine-erste-bilanz\/\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em>\nvom 21. Juni 201; zwei leichte K\u00fcrzungen durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dersu Heri. Der Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni nahm in vielen St\u00e4dten einen wahren Massencharakter an. 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