{"id":5532,"date":"2019-06-19T15:21:42","date_gmt":"2019-06-19T13:21:42","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5532"},"modified":"2019-06-19T15:22:15","modified_gmt":"2019-06-19T13:22:15","slug":"klassenkampf-wo-bitte-gehts-zur-front","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/?p=5532","title":{"rendered":"Klassenkampf: Wo bitte geht\u2019s zur Front?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rezension von Torsten Bewernitz\u2019 Streitschrift \u00bbSyndikalismus und neue Klassenpolitik\u00ab \u2013 Von Slave Cubela* <\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man\nes seit Jahren gew\u00f6hnt ist, zumeist von au\u00dferhalb Deutschlands wichtige Impulse\nf\u00fcr die eigene klassenorientierte Reflexion und Praxis zu erhalten, dann schaut\nman mit gemischten Gef\u00fchlen auf die aktuelle Debatte um eine neue\nKlassenpolitik. Einerseits freut man sich, dass diejenigen, die sich selbst\nh\u00e4ufig als radikale Linke verstehen, erneut Anlauf nehmen, die sozialen\nVerh\u00e4ltnisse von ihren Wurzeln in den Produktionsverh\u00e4ltnissen her zu begreifen\n\u2013 selbstverst\u00e4ndlich ist das in Deutschland leider nicht. Andererseits jedoch\nfindet sich in der hiesigen Debatte um eine neue Klassenpolitik wenig\nerfrischendes Denken, so dass ich dann doch lieber zu den Labor Notes, dem\nJacobin oder zu Actuel Marx greife, um danach wom\u00f6glich ein wenig kl\u00fcger zu\nsein als vorher. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem\nHintergrund ist es umso bemerkenswerter, dass mit Torsten Bewernitz\u2019\nStreitschrift \u00bbSyndikalismus und neue Klassenpolitik\u00ab nun eine Wortmeldung aus\nder bundesdeutschen, radikalen Linken vorliegt, die meines Erachtens aus der\nDebatte um eine neue Klassenpolitik positiv hervorsticht. Denn Bewernitz\u2019\nSchrift ist nicht nur eine offene Kritik des bundesdeutschen Syndikalismus,\nalso vor allem der FAU, sondern sie skizziert auch einen diskussionsw\u00fcrdigen\nWeg, um in dunkler werdenden Zeiten in Deutschland wieder an die Front des\nKlassenkampfes zu gelangen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Praxiskonservativ\n<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sind\nvor allem drei Gedanken, die dabei meines Erachtens unbedingt hervorzuheben\nsind. Da ist zum ersten Bewernitz\u2019 Zustandsbeschreibung der radikalen Linken in\nDeutschland. Denn nicht nur betont er die Stagnation derselben, was sich\nbeispielsweise bei den deutschen SyndikalistInnen darin ausdr\u00fccke, dass diese\n\u00bbpermanent in ihrer eigenen Suppe in einem kleinen Wasserglas\u00ab (S. 5) schwimmen\nund dabei auf den gro\u00dfen Sturm warteten, ohne das allgemeine Klima um sich\nherum zu registrieren. Die Pointe von Bewernitz\u2019 Kritik scheint auf, wenn er schreibt:\n\u00bbIn der Gesamtschau sind die Strukturen der syndikalistischen\nBasisgewerkschaften genauso verkrustet wie diejenigen der DGB-Gewerkschaften:\ndurch basisdemokratische, konsensorientierte Verfahrensweisen, durch\nunhinterfragte Traditionen des post-1968 Neoanarchismus oder durch informelle\n\u203aWissens\u2039-Hierarchien. Hinzukommt nicht selten eine nur geringe Bereitschaft zu\neinem tats\u00e4chlichen Aktivismus.\u00ab (S. 39) <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist\nnat\u00fcrlich starker Tobak, aber indem Bewernitz aus eigener Anschauung heraus\ndiese These ausf\u00fchrlich untermauert, wirft seine Schrift mit fortschreitender\nLekt\u00fcre Fragen auf, die auch au\u00dferhalb der syndikalistischen Linken zu\nDenkanst\u00f6\u00dfen und Ver\u00e4nderungen f\u00fchren sollten. Kann man etwa die in Kreisen der\nradikalen Linken h\u00e4ufig anzutreffende Abgrenzung aufrechterhalten, der zufolge\ndie etablierte Linke in Deutschland beh\u00e4big, langsam und inaktiv ist, w\u00e4hrend\ndie radikale Linke lebendig, phantasievoll und aktionsorientiert ist? Zeichnet\ndie bundesdeutsche Linke nicht \u00fcber alle Fraktionen hinweg ein erstaunliches\nMa\u00df an praxiskonservativer Eintracht aus, da jede Str\u00f6mung f\u00fcr sich lieber an\nalten Symbolen, Sprechweisen, Slogans und ritualisierten Aktionsformen\nfesth\u00e4lt, statt risikobereit neue Wege einzuschlagen? Und wen versucht die\nradikale Linke eigentlich zu beeindrucken, indem sie sich anhaltend als\nrevolution\u00e4r, kommunistisch oder anarchistisch tituliert, indem sie plakativ\nrote und schwarze Fahnen schwenkt, schwarze Bl\u00f6cke bildet, F\u00e4uste hebt und\nunabl\u00e4ssig darum bem\u00fcht ist, m\u00f6glichst \u00bbanders\u00ab auszusehen? Und dies, obgleich\nsie gleichzeitig selber immer wieder hellsichtig analysiert, dass die Erfolge\nder radikalen Rechten nicht zuletzt die Folge einer neuen, angepassten\nSymbolpolitik von rechts sind? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Ende\nder negativen Fixierung <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite\nGedanke aus Bewernitz\u00b4 Streitschrift, den ich wichtig finde, stellt f\u00fcr die\nradikale Linke schon einen wichtigen Schritt aus ihrer Praxiskonservativit\u00e4t\ndar. Denn, so Bewernitz, statt sich etwa an den DGB-Gewerkschaften immer wieder\nnegativ fixiert abzuarbeiten, den DGB-F\u00fchrungen also z.B. mangelnde\nKonfliktbereitschaft oder gar Korrumpiertheit vorzuwerfen, ihren Forderungen\nund Erfolgen radikalere entgegenzusetzen, das eigene Tun immer als revolution\u00e4r\ndem blo\u00dfen Reformismus entgegenzusetzen, fragt Bewernitz entwaffnend: \u00bbK\u00f6nnte\nes nicht einfach sein, dass der DGB deswegen \u203areformistisch\u2039 erscheint, weil er\neinfach ganz demokratisch den Willen seiner Mitglieder umsetzt? Und m\u00fcssten\ndann nicht SyndikalistInnen getreu ihrem basisdemokratischen Motto entsprechend\nhandeln?\u00ab (S. 16) Mit anderen Worten: Die breite Verankerung\nreformistisch-linker Institutionen wie Parteien oder Gewerkschaften sollte die\nradikal Linken nicht stutzig machen oder gar belasten. Wenige ArbeiterInnen\nwerden von diesen linken ReformistInnen gebremst, wenige werden von diesen\nReformistInnen ausgenutzt, die ArbeiterInnen, die diese Institutionen w\u00e4hlen\noder Mitglieder in den DGB-Gewerkschaften sind, tun das, weil sie von diesen\nInstitutionen profitieren, weil sie nichts dagegen haben, dass\nStellvertreterInnen f\u00fcr sie Politik machen und weil sie, wenn es ihnen zu bl\u00f6d\nwird, einfach nicht mehr mitmachen und austreten. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies vor\nAugen gewinnt die radikale Linke in Deutschland meines Erachtens einen\nerheblichen strategischen Spielraum. Statt sich n\u00e4mlich an offiziellen\nVerlautbarungen z.B. des DGB abzuarbeiten (die im DGB meist ohnehin kein\nMitglied liest) oder die Funktion\u00e4re der Parteien und Gewerkschaften anhaltend\nzu kritisieren, k\u00f6nnte sie dar\u00fcber nachdenken, wie sie eigene Reflexions- und Aktionsbr\u00fccken\nin die Arbeiterklassen hinein etablieren kann. Dabei k\u00f6nnte man auch den\nerheblichen Teil der ArbeiterInnen ins Auge fassen, der weder linke Parteien\nw\u00e4hlt noch Mitglied in den DGB-Gewerkschaften ist. Zudem w\u00e4re es m\u00f6glich, wie\nauch Bewernitz betont, linken Parteien oder den DGB-Gewerkschaften deutlich\nunbefangener als bisher entgegenzutreten. Man k\u00f6nnte punktuell B\u00fcndnisse mit\ndiesen eingehen, man k\u00f6nnte aber auch diese Institutionen nutzen, indem man\nderen Strukturen z.B. in die Planung eigener Projekte systematisch einbezieht\n(etwa bei der Rechtsberatung, der \u00d6ffentlichkeitsarbeit etc.). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>(De-)\nZentrales Organizing <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit sind\nwir beim dritten, wichtigen Gedanken angelangt, den Bewernitz in seiner\nStreitschrift formuliert, n\u00e4mlich seine \u00dcberlegungen, wie man diesen\nstrategischen Spielraum als syndikalistische bzw. radikale Linke nutzen k\u00f6nnte.\nZentral ist dabei die folgende Stelle: \u00bbWas wir also f\u00fcr eine praktische\nKlassenpolitik brauchen, ist eine Organisationsform, (\u2026) die bewusst eine \u2013 starke\n\u2013 Minderheit der Arbeitenden organisiert, sich daher nicht als Gewerkschaft\nversteht, mit dieser nicht konkurriert, aber durchaus \u00fcber sie hinausgeht,\nindem sie K\u00e4mpfe auf radikaler und auf breiterer Basis f\u00fchrt. Geschichte und\nPraxis der Arbeiterbewegung halten daf\u00fcr zahlreiche Konzepte zur Verf\u00fcgung:\nArbeiterr\u00e4te, Betriebskomitees, das \u203aUmherschweifen\u2039 der SituationistInnen\nsowie Formen von Selbstaktivierung als Erfahrungsaustausch, militanter\nBefragung und Organizing. Konkret m\u00f6chte ich als Organisationsform eine\nVernetzung von Worker Centers vorschlagen, wie man sie der US-amerikanischen\nArbeiterbewegung abschauen kann.\u00ab (S. 18) Und er f\u00fcgt hinzu: \u00bbAls Vorteile von\nWorker Centers k\u00f6nnen wir in der aktuellen Situation festhalten: Erstens\nagieren Worker Centers \u00e4hnlich wie momentan FAU und IWW im prek\u00e4ren Bereich.\nZweitens sind sie geeignet, migrantische und geschlechtliche Themen zu\nintegrieren. Drittens kommt ihr Konzept einem der aktuellen praktischen\nSchwerpunkte der neuen Klassenpolitik entgegen, n\u00e4mlich der Stadtteilarbeit;\nWorker Centers k\u00f6nnen \u00fcber Mieten und Wohnverh\u00e4ltnisse, Rechtsberatung und\nKultur, Erwerbslosenberatung etc. nachdenken. Viertens k\u00f6nnen Worker Centers\nals reale R\u00e4ume hoffentlich den sozialen Ort ersetzen, den das Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis\nheute oft nicht mehr bietet und der auch kaum noch durch Arbeiterkneipen\npr\u00e4sent ist.\u00ab (Ebd.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses\nPl\u00e4doyer f\u00fcr den Aufbau eines Netzwerks von Worker Centers ist nun keineswegs\nneu, das wei\u00df Bewernitz sehr genau, denn er verweist auf einige erste Bl\u00fcten\neiner erneuerten Linksradikalit\u00e4t, die f\u00fcr ein solches Netzwerk bereits\nAnkn\u00fcpfungspunkte geschaffen haben. Bemerkenswert ist aber zweierlei. Zum einen\nargumentiert er bei dieser Schaffung eines Worker-Center-Netzwerkes f\u00fcr eine\nSelbstaufl\u00f6sung der FAU, ja er wirft zudem die Frage auf, welche Zukunft\nGewerkschaften \u00fcberhaupt noch haben, wenn viele Arbeiter gar nicht mehr wissen,\nwas das ist und gerade prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte nur sehr zur\u00fcckhaltend Hilfe von\n\u00bbden Gewerkschaften\u00ab bekommen. (S. 21) Zum zweiten hat er eine klare\nVorstellung davon, wie dieses Netzwerk ausgebaut und vertieft werden kann. Er\nschreibt: \u00bbGrunds\u00e4tzlich m\u00fcssen sich Gruppen, die eine neue Klassenpraxis\nanstreben, als OrganizerInnen verstehen oder es muss in ihnen zumindest zwei bis\ndrei Personen geben, die Organizing praktisch anwenden und innerhalb der\nGruppen vorantreiben.\u00ab (S. 25) An anderer Stelle \u00e4hnlich: \u00bbDas, was Worker\nCenters im Alltag machen, muss letztlich eine Art Organizing sein.\u00ab (S. 33) <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Organizing\n\u2013 ist das nicht die gar nicht mehr so neue Mitgliedermasche der\nDGB-Gewerkschaften? Ist Organizing nicht letztlich nur eine pseudodemokratische\nVariante typischer Stellvertreterpolitik \u00bbvon oben\u00ab? Zeigt sich das nicht\nschon, wenn man wei\u00df, dass Organizer wie Versicherungsvertreter 1:1-Gespr\u00e4che\nvorher \u00fcben, dass sie grenzwertig anmutende Hausbesuche machen, um Menschen zu\naktivieren, dass sie Kampagnen vorab akribisch planen? Bewernitz\u2019 Antwort\nprovoziert abermals und ist es deshalb wert, ausf\u00fchrlich wiedergegeben zu werden:\n\u00bbWer sich gewerkschaftlich bet\u00e4tigen will, sei es auch auf relativ bescheidenem\nNiveau, ist gut beraten, sich Methodik und Strategien auch der gro\u00dfen\nGewerkschaften anzuschauen. Es ist nicht nur so, dass man da Material findet,\ndas Strategien einem dadurch vermittelt, dass man sich von dortigen Strategien\nabgrenzt. Nein, so manches l\u00e4sst sich durchaus \u00fcbernehmen \u2013 gerade, wenn aus\neiner gewerkschaftsnahen, aber durchaus kritischen Wissenschaft kommt. Das\nOrganizing etwa liegt den syndikalistischen Gewerkschaften n\u00e4her als den\nGewerkschaften des DGB, weil die Verankerung ersterer in sozialen Bewegungen\nst\u00e4rker ist, weil sie aufgrund ihrer Gr\u00f6\u00dfe schon immer auf solche Methoden\nzur\u00fcckgreifen mussten und weil ihnen die gewachsenen betrieblichen Strukturen\n(Betriebsr\u00e4te und Vertrauensleutek\u00f6rper) normalerweise fehlen \u2013\nnichtsdestotrotz geht die Professionalisierung und Nutzbarmachung des Konzepts\nauf die gro\u00dfen Gewerkschaften zur\u00fcck. Wer dieses Instrumentarium nur deswegen\nzur Seite legt, entwaffnet sich schlicht selber.\u00ab (S. 38) <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Prekariat?\nMobilisieren? <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz\ndieser und einiger anderer St\u00e4rken gibt es jedoch auch in Bewernitz\u00b4 Schrift\nAspekte, in denen er meines Erachtens argumentativ abf\u00e4llt. Da ist zum einen\nder Umstand, dass er zwar einer militanten Basispolitik klare Perspektiven\ner\u00f6ffnet, gleichzeitig aber interessieren ihn die sozialen Verh\u00e4ltnisse, die\ndie Grundlage einer solchen Politik w\u00e4ren, nur etwas mehr als eine Seite lang.\nUnd wenn er dann schreibt, dass Worker Centers an dem \u00bbprek\u00e4ren Segment des Proletariats\u00ab\n(S. 27) anzusetzen h\u00e4tten, dann ist das zwar in dieser Allgemeinheit sicherlich\nbedenkenswert, doch das sog. prek\u00e4re Segment ist gro\u00df und rekrutiert sich aus\nsehr unterschiedlichen sozialen Hintergr\u00fcnden. Die Branchen, in denen es\narbeitet, sind gepr\u00e4gt von erheblichen Unterschieden. Viele migrantische\nPrekarier sind z.B. zufrieden mit ihrer Arbeit, da sie sie als ersten Schritt\nin einer neuen Gesellschaft sch\u00e4tzen. Das Prekariat im sozialen Bereich\nwiederum scheut sich h\u00e4ufig genug vor sozialen K\u00e4mpfen, da es emotional sehr\neng mit seinen KundInnen, PatientInnen, Kindern etc. verbunden ist. Hier w\u00e4re\nes besonders wichtig, in einer Neuauflage oder einem eigenen Papier tiefer zu\nsch\u00fcrfen, denn die Gleichung \u00bbPrekariat braucht Worker Centers\u00ab ist auf Dauer\nzu holzschnittartig. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine\nandere Stelle, die mich beim Lesen irritierte, findet sich in jenem Abschnitt,\nden er \u00bbMobilisieren statt organisieren\u00ab nennt. Bewernitz erl\u00e4utert, dass er\nsie gew\u00e4hlt habe, um seine \u00bbkritische Haltung\u00ab gegen\u00fcber den \u00bbaktuellen\nMethoden\u00ab des Organizing zu unterstreichen. Denn: \u00bbPraktisch l\u00e4uft Organizing\nimmer auf dasselbe hinaus, Gewerkschaftsmitglieder gewinnen (\u2026), Betriebsr\u00e4te\ngr\u00fcnden, Tarifvertr\u00e4ge abschlie\u00dfen.\u00ab (S. 33) Mobilisieren hingegen sei ein\nProzess, in welchem es offenbliebe, \u00bbob ArbeiterInnen nur an einigen Aktionen\nteilnehmen, Gewerkschaftsmitglieder werden oder dauerhaft an einer\nau\u00dfergewerkschaftlichen Initiative (wie einem Worker Center) teilnehmen\nwollen\u00ab. (S. 36) Um es deutlich zu formulieren: Ich halte diese Entgegensetzung\nvon Organizing und Mobilisieren aus mehreren Gr\u00fcnden f\u00fcr fragw\u00fcrdig. Muss denn\nnicht auch ein Worker Center zahlende Mitglieder gewinnen, damit es sich\ndauerhaft materiell finanzieren kann? Muss es nicht auch formalisierte Strukturen\nherauszubilden suchen, also z.B. einen Worker-Center-Rat, der die Leitlinien\nder eigenen Arbeit diskutiert und entscheidet? Warum bedarf es \u00fcberhaupt eines\nbesonderen Verweises auf die Offenheit dieses Prozesses? Macht Bewernitz dies\netwa, weil er wie viele radikale Linke denkt, dass man ArbeiterInnen mit\nbesonderen Samthandschuhen gegen\u00fcbertreten muss, da sie sich sonst, wie er\nanderer Stelle schreibt, missverstanden und ausgenutzt f\u00fchlen k\u00f6nnten? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ohne\nZweifel ist es so, dass ArbeiterInnen in vielen gewerkschaftlichen\nOrganizing-Prozessen erfahren m\u00fcssen, dass Entscheidungen getroffen werden,\nohne dass sie gefragt werden. Aber diese ArbeiterInnen sind deshalb keineswegs\nhilflos. Viele sagen der entsprechenden Gewerkschaft dann teils sehr deutlich\nihre Meinung. Viele treten dann auch aus. Und viele registrieren diesen\nVertrauensbruch, bleiben aber Mitglieder, da sie zumindest eine partielle\nBesserung ihrer Situation aufrechterhalten wollen. Mit anderen Worten: Statt\nsich tausend Gedanken dar\u00fcber zu machen, wie man ArbeiterInnen um Gottes Willen\ninteger und basisdemokratisch behandelt, sollte die radikale Linke Organizing\nnutzen, um \u00fcberhaupt in eine dauerhafte Beziehung zu ihnen treten zu k\u00f6nnen.\nDar\u00fcber hinaus kann sie beruhigt sein: Die betreffenden ArbeiterInnen selber\nwerden dieser Linken \u2013 sollte sie sich zu dumm, autorit\u00e4r oder manipulativ\nanstellen \u2013 schnell Zeichen geben, ob diese Beziehung auch in ihrem Sinne ist. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Alltag\nist die Front? Der Alltag ist die Front! <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch, so\nk\u00f6nnte man einwenden: das soll also die Front des Klassenkampfs sein?\nOrganizing im Prekariat zwecks Etablierung eines k\u00e4mpferischen\nWorker-Center-Netzwerks? Wo bleibt da die Radikalit\u00e4t? Trotz aller Polemik: Der\ngegenw\u00e4rtigen Antifa etwa verdanken wir sicher eine Unmenge an verhinderten\nNazi-Umz\u00fcgen und ein immer wieder mutiges Eintreten gegen rechte Gewalt.\nBesetzte H\u00e4user oder andere autonome R\u00e4ume sind ohne Zweifel ein wichtiger Ort\nf\u00fcr viele Individuen, um soziale Denkphantasie, aber auch gesellschaftliche\nKritik einzu\u00fcben. Kleine Gewerkschaften wie die FAU oder die IWW lassen immer\nwieder aufhorchen, so dass sie k\u00fcrzlich selbst Anerkennung von der gro\u00dfen IG\nMetall bekamen \u2013 in Form eines Lobs der zweiten Vorsitzenden Christiane Benner\nf\u00fcr das Engagement bei Foodora (taz, 20. November 2017). Doch, und das ist\nletztlich das gro\u00dfe Richtungsschild, das Bewernitz hochh\u00e4lt: Mit Blick auf eine\nVielzahl bedrohlicher sozialer Entwicklungen wird es Zeit, dass diese linke\nRadikalit\u00e4t endlich Eingang in die gesellschaftlichen Alltags-Diskurse und\nPraxen findet, wird es Zeit, dazu die linksradikalen Rituale, Z\u00f6pfe und Symbole\nabzuschneiden, wird es Zeit, dem\u00fctig und geduldig linke Radikalit\u00e4t in\nsinnf\u00e4llige, greifbare Verbesserungspraxen nicht nur rund um die eigene\nLohnarbeit einflie\u00dfen zu lassen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu noch\nein letzter, durchaus optimistischer Gedanke: Wenn es schwer zu leugnen ist,\ndass die Probleme unserer Zeit zunehmend einen grunds\u00e4tzlichen Charakter\nbekommen, dann stellt dies radikale Praxen zur Bew\u00e4ltigung dieser Probleme in\nein neues Licht. Egal ob es sich um die Erderw\u00e4rmung, die zunehmenden\ngesellschaftlichen Zerfallsprozesse, die explodierenden Mieten oder die\nEntstehung der Big-Data-Strukturen handelt \u2013 immer h\u00e4ufiger sorgen die riesigen\nProblemdimensionen daf\u00fcr, dass auch unpolitische Menschen vermehrt radikalen\nL\u00f6sungen zuneigen. Zwar suchen viele Menschen dies vor sich zu verstecken,\nindem sie scheinbar \u00fcberschaubare \u00bbSingle-Issue\u00ab-Forderungen aufstellen, sie\nz.B. die schnelle und konsequente Umsetzung der Klimaziele fordern, die Etablierung\neines solidarischen und bedingungslosen Grundeinkommens interessant finden, der\nVerstaatlichung von Wohnraum viel abgewinnen k\u00f6nnen oder aber die Macht von\nGro\u00dfkonzernen wie Google oder Facebook bedrohlich finden und deren Zerschlagung\nins Auge fassen. Aber dieses Versteckspiel muss so nicht bleiben. Bewernitz\u2019\nStreitschrift ist insofern auch ein spannender Hinweis, wie die radikale Linke\nmit daf\u00fcr sorgen kann, dass diese implizite Links-Radikalisierung gr\u00f6\u00dfer\nwerdender Teile der Gesellschaft zu einer expliziten wird. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Slave\nCubela arbeitet f\u00fcr eine gro\u00dfe deutsche Gewerkschaft. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Torsten\nBewernitz: Syndikalismus und neue Klassenpolitik. Eine Streitschrift. Verlag\nDie Buchmacherei, Berlin 2019. 70 S., 7,\u2013 Euro. ISBN: 978-3-9820783-1-1 <\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Cubela_Bewi.pdf\">express.de&#8230;<\/a> vom 19.\nJuni 2019<\/em><em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezension von Torsten Bewernitz\u2019 Streitschrift \u00bbSyndikalismus und neue Klassenpolitik\u00ab \u2013 Von Slave Cubela*<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7,5],"tags":[25,87,23,39,26,45,4],"class_list":["post-5532","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-buecher","tag-deutschland","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5532","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5532"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5532\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5534,"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5532\/revisions\/5534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5532"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5532"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5532"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}