{"id":337,"date":"2014-12-15T15:55:08","date_gmt":"2014-12-15T13:55:08","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=337"},"modified":"2014-12-15T15:55:08","modified_gmt":"2014-12-15T13:55:08","slug":"zum-beispiel-pavatex-ag-wie-die-arbeiter-in-der-schweiz-entwaffnet-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/?p=337","title":{"rendered":"Zum Beispiel Pavatex AG: Wie die Arbeiter in der Schweiz entwaffnet werden"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Redaktion <i>maulwuerfe.ch<\/i>) <b>Ende Oktober 2014 wurde von der Pavatex AG die Schliessung der Produktion in Fribourg per Ende November 2014 bekanntgegeben. Dabei sollten die 45 Arbeiter ohne Sozialplan auf die Strasse gestellt werden. Keine Besonderheit in der Schweiz, die keinen K\u00fcndigungsschutz und zudem die absolute Friedenspflicht kennt. Das Besondere liegt vielmehr <!--more-->in der k\u00e4mpferischen Reaktion der verzweifelten Arbeiter und wie diese durch die Gewerkschaften \u2013 mit ihrem unverr\u00fcckbaren Festhalten an der absoluten Friedenspflicht &#8211; \u00a0in die sozialpartnerschaftliche\u00a0 Sackgasse gef\u00fchrt wurden. <\/b><\/p>\n<p>Eigentlich ist auch der Ablauf der Ereignisse nichts Aussergew\u00f6hnliches. Viele Zehntausende von Lohnabh\u00e4ngigen wurden in der Schweiz in den vergangenen f\u00fcnf bis sechs Jahren mit Entlassungen, Verl\u00e4ngerung der Arbeitszeiten, Lohnk\u00fcrzungen konfrontiert; wenige Tausend haben versucht, sich dagegen zu wehren, in den wenigsten F\u00e4llen erfolgreich. Der grosse Kampf der SBB-Angestellten in den Werkst\u00e4tten in Bellinzona vom Fr\u00fchjahr 2008 liegt schon weit\u00a0 zur\u00fcck, die K\u00e4mpfe im \u00f6ffentlichen Dienst in Genf (Flughafen, Spit\u00e4ler, Altersheime) und die lokalen Arbeiterk\u00e4mpfe im Tessin (Industrie, Verkauf) von 2011 bis 2013 liegen zeitlich schon n\u00e4her, waren aber wohl die einzigen wirklich erfolgreichen Manifestationen eines durchaus existierenden Bed\u00fcrfnisses nach kollektivem Widerstand gegen die vernichtende Walze der Unternehmermacht in der helvetischen Republik. In diesen K\u00e4mpfen gelang es den Lohnabh\u00e4ngigen jeweils, die Gewerkschaften zu einem Instrument ihres Widerstandes zu machen und sich so der hegemonialen Tendenz in den Schweizer Gewerkschaften entgegen zu stemmen, jede Bewegung f\u00fcr die Zwecke der B\u00fcrokratie zu instrumentalisieren.<\/p>\n<p>Diese erfolgreichen Bewegungen machten nie Halt bei Verhandlungen \u00fcber Sozialpl\u00e4ne, sondern bewahrten und entwickelten den Kern eines grunds\u00e4tzlichen Motivs dieser Basisaktivit\u00e4ten, das auf eine Beseitigung des Herrschaft des Kapitals, auf eine Befreiung aus der Unterwerfung unter die soziale und politische Macht der Unternehmer und ihres Staates \u00fcberhaupt hinausl\u00e4uft. Die \u2013 in ihrer verzweifelten Lage &#8211; vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngenden Segmente der Lohnabh\u00e4ngigen hatten in diesen seltenen F\u00e4llen das Gl\u00fcck, im Gewerkschaftsapparat auf \u2013 leider lokal beschr\u00e4nkte &#8211;\u00a0 Kr\u00e4fte zu stossen, die in dieselbe Richtung dr\u00e4ngten und f\u00fcr ihre Strategie\u00a0 selbst gerade an der Entwicklung von Ans\u00e4tzen einer k\u00e4mpferischen Str\u00f6mung an der Basis ein vitales Interesse haben. Nicht so im Falle der Pavatex AG, wie der Ablauf der Ereignisse zeigt.<\/p>\n<p><b>Ein angek\u00fcndigter Niedergang<\/b><\/p>\n<p>Die Firma Pavatex wurde 1936 in Fribourg gegr\u00fcndet, seither er\u00f6ffnete sie Werke in Cham (Kanton Zug), in Golbey (Frankreich), Deutschland, \u00d6sterreich, Italien und in den Beneluxstaaten. Das Westschweizer Wirtschaftsmagazin \u00abBilan\u00bb bezeichnete k\u00fcrzlich die Firma als Marktfu\u0308hrerin im Bereich der Holzweichfaserd\u00e4mmstoffe. 2010 betrug der Jahresumsatz knapp 80 Millionen Euro.<\/p>\n<p>Die Schliessung des Werkes in Fribourg fiel nicht aus heiterem Himmel. Weil der Spanplatten-Hersteller den L\u00f6wenanteil seines Umsatzes in Frankreich und Italien macht, traf ihn die Krise in Europa hart. Bereits im September 2011 baute Pavatex in der Schweiz 10 Arbeitspl\u00e4tze ab und setzte in der Produktion eine Lohnk\u00fcrzung von 4 Prozent durch. Zudem wurde 2013 im franz\u00f6sischen Golbey ein modernes Werk er\u00f6ffnet. Damit wurde die Konkurrenzsituation f\u00fcr das veraltete Werk in Fribourg zus\u00e4tzlich verschlechtert. Anfang 2014 sollten daher weitere 18 Stellen in Fribourg gestrichen werden. Nach Interventionen der Gewerkschaft und der Betriebskommission konnte dieser Abbau abgewendet werden; an dessen Stelle sollte ab Herbst 2014 jedoch Kurzarbeit eingef\u00fchrt werden. 90 Prozent\u00a0 der Belegschaft in Fribourg sind Mitglied der Gewerkschaft Unia.<\/p>\n<p>Seit 2011 verdichteten sich mithin die Anzeichen f\u00fcr eine Schliessung der Fabrik. Doch diese Anzeichen wurden von der Gewerkschaft nicht genutzt, um im Betrieb, im gesamten Unternehmen und in der Region die Kr\u00e4fte aufzubauen, die einen Widerstand gegen das drohende Unheil h\u00e4tten entwickeln k\u00f6nnen. Dazu muss erw\u00e4hnt werden, dass Pavatex u.a. in Cham (im Kanton Zug) und wie bereits erw\u00e4hnt, in Golbey (FR) je ein Werk betreibt, in die die Produktion aus Fribourg ausgelagert werden soll. Die einvernehmlichen \u00abL\u00f6sungen\u00bb mit Lohnk\u00fcrzungen, Teil-Entlassungen und, zuletzt, der Einf\u00fchrung von Kurzarbeit setzten vielmehr auf eine illusion\u00e4re Hoffnung, damit \u00abdas Schlimmste\u00bb abwenden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Aufbau eines erfolgreichen\u00a0 Widerstandes in Fribourg h\u00e4tte also auch entsprechende Aktivit\u00e4ten der Gewerkschaft in Cham und in Golbey erfordert, was ganz klar eine schwere Verletzung des Arbeitsfriedens bedeutet h\u00e4tte, wie dies in jedem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) als wichtigste Bestimmung festgehalten ist. Es h\u00e4tte also erfordert, auf die Entwicklung von Ans\u00e4tzen der Kampfkraftkraft der Arbeiterklasse zu setzen, und nicht auf ein gutes Einvernehmen mit den Unternehmern.<\/p>\n<p><b>Das Platzen der Illusionen und die verzweifelte Gegenwehr<\/b><\/p>\n<p>Aufgrund dieser Vorgeschichte erstaunt es nicht, dass die Schliessung der Fabrik f\u00fcr die Arbeiter keine \u00dcberraschung war, aber auch, dass f\u00fcr sie die Erhaltung der Fabrik in Fribourg nicht als eine realistische Option erschien. Der Schliessungsentscheid wurde daher von ihnen nie in Frage gestellt. Was f\u00fcr sie aber das Fass zum \u00dcberlaufen brachte, war dass die Firma keinen Sozialplan vorlegte, sondern eine Personalfirma beauftragte, den betroffenen Arbeitern eine sogenannte \u00abLaufbahnberatung\u00bb anzubieten. Eine Leistung, die durch jede \u00f6ffentliche regionale Arbeitsvermittlung (RAV) eh schon angeboten werden muss. Als sich die Unternehmensf\u00fchrung weigerte, mit den Arbeitern und der Gewerkschaft Unia \u00fcber einen Sozialplan zu verhandeln, traten die Arbeiter am 11. November in einen Streik und besetzten die Fabrik.<\/p>\n<p>Vorerst haben die Gewerkschaft und die Betriebskommission nach dem Bekanntwerden des Schliessungsentscheides Ende Oktober die Arbeiter noch davon abhalten k\u00f6nnen, direkt aktiv zu werden. Bereits damals stellten sie in einer spontanen Aktion die Maschinen ab. Aber als darauf nichts geschah, platzte ihnen der Kragen und sie griffen ab dem 11. November direkt in die Ereignisse ein. Ihre Forderungen waren klar wie auch minimal: Aufnahme von Verhandlungen mit der Gewerkschaft und der Betriebskommission. Pavatex trat unter dem Druck des Streiks und der Betriebsbesetzung auf die Forderung ein und es begannen nach dem dritten Streiktag Verhandlungen zwischen Delegationen der Firmenleitung, der Fribourger Regierung, Unia und der Betriebskommission. Kurz vorher hatte die Firmenleitung den Streik als illegal erkl\u00e4rt und stellte die Lohnzahlungen ein.<\/p>\n<p><b>In den F\u00e4ngen der Sozialpartnerschaft<\/b><\/p>\n<p>Die Bedingung f\u00fcr den Verhandlungsbeginn war allerdings, dass die Arbeiter die Arbeit wieder aufnehmen und die Besetzung der Fabrik einstellen w\u00fcrden. Dies geschah denn auch am 17. November. Fatalerweise f\u00fcr die Arbeiter. Denn die Verhandlungen endeten weitgehend ohne substantielle Zugest\u00e4ndnisse der Firma. Die Arbeiter hatten mit dem Abbruch des Streikes und der Betriebsbesetzung \u00a0auch ihr einziges Druckmittel aus der Hand gegeben. Die Fabrik wurde am 21. November endg\u00fcltig geschlossen, wie auch an diesem Tag die Verhandlungen zu Ende gingen.<\/p>\n<p>Die Unia wertet diesen Ausgang \u2013 wie \u00fcblich bei solchen Schelmenspielen &#8211; trotzdem als positiv: \u00abDie Anwesenheit der Gewerkschaft Unia bei den Verhandlungen zwischen der Belegschaft und der Pavatex-Direktion \u00fcber faire Unterst\u00fctzungsmassnahmen hat sich positiv ausgewirkt.\u00bb (Unia, Medienmitteilung vom 24.11. 2014) Sicher positiv f\u00fcr die Gewerkschaftsf\u00fchrung, die sich erneut mit den Unternehmern einigen konnte. Dass dabei f\u00fcr Arbeiter kein Sozialplan herausschaute, scheint niemanden in der Gewerkschaft zu k\u00fcmmern. Die erreichte R\u00fcckzahlung von Geldern, die von ihnen \u00fcber die Jahre in den sogenannten Hilfsfonds einbezahlt wurde, ist eine juristische Selbstverst\u00e4ndlichkeit und h\u00e4tte auch ohne Verhandlungs-Theatralik vor jedem Gericht erwirkt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dass die Arbeiter in ihrer Verzweiflung blind auf die Gewerkschaft vertrauten und den Streik am 17. November im Vertrauen auf die Verhandlungen abbrachen, hat ihnen schmerzliche Einbussen beschert. Sie werden nun in alle Winde zerstreut, die meisten von ihnen wohl in die Langzeitarbeitslosigkeit oder in noch schlechtere Jobs, denn sie sind mehrheitlich \u00fcber 50 Jahre alt und arbeiten durchschnittlich seit 15 Jahren bei Pavatex. Diese wertvolle Erfahrung wird \u00a0damit wohl nie mehr positiv genutzt werden k\u00f6nnen: auf die eigene Kraft zu vertrauen, und weder den Unternehmern noch den Gewerkschaften und schon gar nicht den politischen Instanzen zu vertrauen.<\/p>\n<p>An diesem Arbeitskampf sieht man vor allem die hoffnungslose Situation, in der sich die Arbeiterklasse in der Schweiz befindet. Es ging hier nicht um eine k\u00fchne Abwendung der Schliessung der Fabrik; nicht einmal um eine konkrete Forderung bez\u00fcglich Sozialplan. Sondern lediglich um die Aufnahme von Verhandlungen zwischen Firmenleitung und der Unia. Ein Kampf gegen Betriebsschliessungen liegt f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen in der Schweiz jenseits des Horizonts des M\u00f6glichen \u2013 die materiellen Instrumente und Zusammenh\u00e4nge, um konkrete Aktionen\u00a0 daf\u00fcr zu entwickeln, fehlen schlicht und einfach. Am allerwenigsten sind die Gewerkschaftsf\u00fchrungen an solchen K\u00e4mpfen interessiert, denn diese w\u00fcrden ihr Lebenselement, die Sozialpartnerschaft, deren zentraler Pfeiler die absolute Friedenspflicht ist, unweigerlich untergraben. Zudem w\u00fcrde eine Gewerkschaftspolitik gegen Betriebsschliessungen und Massenentlassungen unausweichlich den Aufbau von k\u00e4mpferischen Zusammenh\u00e4ngen erfordern, die nicht mehr einfach so kontrollierbar w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die Orientierung der gewerkschaftlichen Interventionen \u2013 falls \u00fcberhaupt! &#8211;\u00a0 auf Sozialplanverhandlungen erlaubt erstens eine Kontrolle allf\u00e4lliger Kampf-Bewegungen und, zweitens, f\u00fchrt diese Orientierung zu einer weiteren St\u00e4rkung der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie in den Augen gerade einer paralysierten Basis. Und diese ist in der Schweiz aufgrund der mangelnden Kampferfahrung in der sehr grossen \u00dcberzahl.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; (Redaktion maulwuerfe.ch) Ende Oktober 2014 wurde von der Pavatex AG die Schliessung der Produktion in Fribourg per<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,3],"tags":[29,26,17],"class_list":["post-337","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnen","category-schweiz","tag-arbeitskaempfe","tag-gewerkschaften","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/337","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=337"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/337\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":338,"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/337\/revisions\/338"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=337"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=337"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=337"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}