{"id":2435,"date":"2017-08-21T10:20:30","date_gmt":"2017-08-21T08:20:30","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2435"},"modified":"2017-08-21T10:20:30","modified_gmt":"2017-08-21T08:20:30","slug":"kapitalismus-reine-zeitvergeudung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/?p=2435","title":{"rendered":"Kapitalismus: Reine Zeitvergeudung"},"content":{"rendered":"<p><em>Konrad Lotter. <\/em><strong>Der Kapitalismus kommt ohne fortw\u00e4hrende Beschleunigung nicht aus. Weil jener aber grundverkehrt l\u00e4uft, schafft diese keine Besserung. \u00dcber eine Funktionsbestimmung in Marx\u2019 Kritik der politischen \u00d6konomie.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Ein grundlegender, h\u00e4ufig zu wenig beachteter Unterschied in Marx\u2019 Kritik der politischen \u00d6konomie ist der zwischen allgemein warenproduzierender und speziell kapitalistischer Gesellschaft. Erstere ist dadurch gekennzeichnet, dass arbeitsteilig und nicht f\u00fcr den eigenen Bedarf, sondern f\u00fcr den Austausch und damit f\u00fcr den Markt produziert wird. Auf diese Weise verwandeln sich die Arbeitsprodukte in Waren. Letztere schlie\u00dft sich daran an, geht aber einen entscheidenden Schritt dar\u00fcber hinaus: In ihr werden nicht nur die Arbeitsprodukte, sondern auch die Arbeitskraft der Menschen wird zur Ware und auf dem Markt gehandelt. Historisch betrachtet liegen die Anf\u00e4nge der warenproduzierenden Gesellschaft im \u00bbKontakt der [naturw\u00fcchsigen] Gemeinwesen\u00ab untereinander.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a><\/p>\n<p>Von den R\u00e4ndern, dem Handel zwischen verschiedenen Gemeinwesen ausgehend, breitet sich der Warentausch dann auch im Inneren, als Handel zwischen verschiedenen Privatpersonen desselben Gemeinwesens, aus. Warenproduzierende Gesellschaften existierten somit bereits zur Zeit der griechischen Antike, des r\u00f6mischen Weltreichs oder des Mittelalters. Dagegen hat die kapitalistische Warenproduktion die \u00bburspr\u00fcngliche Akkumulation\u00ab zur Voraussetzung, bei der die Bauern (seit dem 16. Jahrhundert) von ihren \u00bbSubsistenzmitteln\u00ab (Grund und Boden) getrennt und \u00bbals vogel\u00adfreie Proletarier auf den Arbeitsmarkt geschleudert\u00ab wurden (23, 744). Mit der Aneignung des durch die Lohnarbeit produzierten Mehrwerts durch den Kapitalisten schlagen die Gesetze der einfachen in die kapitalistische Warenproduktion um. Der Warenmarkt erweitert sich zum Arbeitsmarkt (wo Arbeitskraft gekauft und verkauft wird), zum Finanzmarkt (wo Geld, Kredite, Wechsel und Aktien gehandelt werden) und zum Weltmarkt (wo alle nationalen Grenzen \u00fcberschritten werden).<\/p>\n<p><strong>Funktionen der Zeit<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die folgenden \u00dcberlegungen ist die Unterscheidung von warenproduzierender und kapitalistischer Gesellschaft insofern grundlegend, als \u00bbZeit\u00ab der einen, \u00bbBeschleunigung\u00ab der anderen wesensm\u00e4\u00dfig zugeordnet werden kann. Gleich auf den ersten Seiten des \u00bbKapitals\u00ab, auf denen Marx die Grundbegriffe der Warenproduktion einf\u00fchrt, werden nacheinander drei Grundbestimmungen oder Funktionen der Zeit genannt. Erstens ist die Zeit der Ma\u00dfstab, an dem der Wert von Arbeitsprodukten gemessen wird. Je mehr Zeit zur Produktion einer Ware aufgewendet werden muss, desto gr\u00f6\u00dfer ihr Wert. Zweitens ist die Zeit das Kriterium, nach dem verschiedene Arbeitsprodukte oder Gebrauchswerte gegeneinander ausgetauscht werden. Beim Tausch von z. B. 20 Ellen Leinwand gegen einen Rock werden demnach gleiche Zeitquanten getauscht, da zur Herstellung von 20 Ellen Leinwand genauso viel Zeit ben\u00f6tigt wird wie zur Herstellung von einem Rock. Drittens ist Zeit im Geld vergegenst\u00e4ndlicht. Der von Benjamin Franklin gepr\u00e4gte Satz \u00bbZeit ist Geld\u00ab, den Max Weber als Beleg f\u00fcr den \u00bbGeist des Kapitalismus\u00ab zitiert, besitzt, wie Marx in der Wertformanalyse zeigt, f\u00fcr jede (also nicht nur f\u00fcr die kapitalistische) Waren- oder Tauschgesellschaft G\u00fcltigkeit. \u00bbGeld als Wertma\u00df ist notwendige Erscheinungsform des immanenten Wertma\u00dfes der Waren, der Arbeitszeit\u00ab (23, 109). Anzumerken bleibt, dass allen drei Funktionen der Zeit eine \u00bbeinfache\u00ab und am Stand der Produktivkraftentwicklung gemessene \u00bbdurchschnittliche\u00ab Arbeit zugrunde liegt.<\/p>\n<p>Eine weitere Grundbestimmung oder Funktion der Zeit reicht \u00fcber die Grenzen der warenproduzierenden Gesellschaft hinaus. Beim fiktiven Robinson Crusoe (in Defoes Roman), bei einer autark lebenden Bauernfamilie oder in einem zuk\u00fcnftigen \u00bbVerein freier Menschen\u00ab ist die Zeit die Grundlage f\u00fcr die Planung der Arbeit. \u00bbIhre gesellschaftlich planm\u00e4\u00dfige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiedenen Arbeitsfunktionen zu den verschiedenen Bed\u00fcrfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Ma\u00df des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts\u00ab (23, 93).<\/p>\n<p>Der Schatzbildner ist ein Typus der vorkapitalistischen Gesellschaft. Seine Haupteigenschaften sind Flei\u00df (er produziert Waren, die er gegen Geld verkauft) und Sparsamkeit oder Geiz (er tauscht das erhaltene Geld nicht vollst\u00e4ndig gegen andere Waren ein, sondern hortet es). Auf diese Weise vergr\u00f6\u00dfert sich sein Geldbesitz und wird zum Schatz. M\u00f6glicherweise hatte Marx die Karikaturen aus Moli\u00e8res Kom\u00f6die \u00bbDer Geizige\u00ab oder Balzacs Romanzyklus \u00bbDie menschliche Kom\u00f6die\u00ab (etwa die Figur des Gobseck) vor Augen, als er das h\u00e4ssliche Portr\u00e4t des Schatzbildners zeichnete: Er \u00bbmacht Ernst mit dem Evangelium der Entsagung\u00ab und \u00bbopfert \u2026 dem Goldfetisch seine Fleischeslust\u00ab (23, 147). Setzt man Zeit und Geld gleich, so stellt der Schatz allerdings auch eine Anh\u00e4ufung von Zeit dar, von freier Zeit, in der der Schatzbildner nicht f\u00fcr seinen Lebensunterhalt arbeiten muss und die er, wenn die Schatzbildnerei nicht zum Selbstzweck geworden ist und ihn psychisch deformiert hat, zur Mu\u00dfe, d.\u2009h. zum Lesen, Musizieren, zur Geselligkeit oder zum Sport verwenden kann. Er kann seinen Zeitvorrat auch verschenken oder sogar vererben. Der Gegensatz des Schatzbildners w\u00e4re der Schuldner. Er hat sich Geld ausgeliehen und bereits ausgegeben, d. h. einen Teil seiner Lebenszeit verpf\u00e4ndet. Seine Zukunft liegt damit in der Hand des Gl\u00e4ubigers.<\/p>\n<p>Sobald der Schatzbildner sein Geld nicht mehr unter der Matratze versteckt, sondern investiert oder auf die Bank tr\u00e4gt, um daf\u00fcr Zinsen zu erhalten, h\u00f6rt er auf, Schatzbildner zu sein. Er tritt aus der Warenzirkulation W \u2013 G \u2013 W\u2019 (Ware wird gegen Geld, Geld gegen andere Waren getauscht) aus und in die Kapitalzirkulation G \u2013 W \u2013 G\u2019 (Geld wird gegen Waren, Waren gegen mehr Geld getauscht) ein. Damit wird er zum Kapitalisten. Die Warenzirkulation ist eine endliche Bewegung, sie beginnt mit der Produktion einer Ware und endet mit dem Konsum einer Ware.<\/p>\n<p>Erst mit der Entstehung des Kapitalismus wird die Warenzirkulation durch die Geld- oder Kapitalzirkulation \u00fcberlagert. Sie beginnt mit Geld, das jemand hat, der damit Waren (Rohstoffe, Werkzeuge, Arbeitskr\u00e4fte etc.) kauft, um neue Waren zu produzieren, die er auf dem Markt f\u00fcr mehr Geld, also mit Gewinn, verkauft. Da das \u00fcber das vorgeschossene Geld gewonnene Geld in der Regel nur zum Teil verkonsumiert und wieder investiert, d.\u2009h. in eine erweiterte Geldzirkulation zur\u00fcckflie\u00dft, bezeichnet die Geld- oder Kapitalzirkulation eine unendliche Bewegung. Wie bei der einfachen Warenzirkulation (in warenproduzierenden Gesellschaften) die Zeit eine tragende Rolle spielt, so wird bei der Geldzirkulation (in kapitalistischen Gesellschaften) die Beschleunigung zum Dreh- und Angelpunkt des \u00f6konomischen Geschehens. Nun, da die Arbeitskraft zur Ware geworden ist und Mehrwert (die Differenz zwischen vorgeschossenem Geld G und zur\u00fcck erhaltenem Geld G\u2019) produziert, kommt alles darauf an, den Gesamtprozess des Wirtschaftens zu beschleunigen. Das treibende Motiv ist dabei nicht die Gier des einzelnen Kapitalisten. Es handelt sich vielmehr um einen in der Struktur des Kapitalismus angelegten Zwang: Wer im Tempo nicht mithalten kann, f\u00e4llt im Kampf der Konkurrenten zur\u00fcck und geht unter. Da der Gesamtprozess des Wirtschaftens zwei Seiten hat, die Produktion und die Zirkulation der Waren, nimmt auch die Beschleunigung zwei Formen an: als Beschleunigung der Produktion und Beschleunigung der Zirkulation.<\/p>\n<p><strong>Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte<\/strong><\/p>\n<p>Marx unterteilt den Arbeitstag in die \u00bbnotwendige Arbeitszeit\u00ab, die durch den Lohn abgegolten wird und zur Reproduktion des Arbeiters und seiner Familie dient (Nahrung, Wohnen, Kleider, Erholung, Ausbildung der Kinder etc.), und die \u00bbMehrarbeits- oder Surplusarbeitszeit\u00ab, die nicht durch den Lohn abgegolten wird und den Mehrwert erwirtschaftet (23, 231 f.). Da im Konkurrenzkampf der Kapitalisten m\u00f6glichst viel Mehrwert oder Gewinn herausgeschlagen werden soll, wird versucht, die notwendige Arbeitszeit zu verk\u00fcrzen und die Surplusarbeitszeit zu verl\u00e4ngern. Dazu stehen zwei Wege offen. Entweder wird der Arbeitstag verl\u00e4ngert, was aber schnell an die \u00bbphysischen Schranken\u00ab der Arbeiter oder an gesetzlich vorgegebene Grenzen st\u00f6\u00dft. Oder das Verh\u00e4ltnis der notwendigen zur Surplusarbeitszeit wird (bei gleich langem Arbeitstag) zugunsten der letzteren verschoben. Das kann z.\u2009B. auch durch Verbilligung und \u00bbVerf\u00e4lschung von Lebensmitteln\u00ab, Verwendung von Surrogaten etc. (23, 262 und 264 Fu\u00dfnote) geschehen, was die Absenkung des Reallohns und die Verk\u00fcrzung der notwendigen Arbeitszeit erm\u00f6glicht. Der Haupthebel aber ist die Steigerung der Produktivit\u00e4t der Arbeit, d.\u2009h. die Beschleunigung der Produktion durch verbesserte Produktivkr\u00e4fte: durch den Einsatz effektiverer Maschinen, zunehmende Arbeitsteilung, speziellere Ausbildung, reibungslosen Ablauf der Produktion. Wem es gelingt, den Durchschnitt der Produktivit\u00e4t, d. h. die Durchschnittsgeschwindigkeit der Produktion zu \u00fcbertreffen, der vergr\u00f6\u00dfert die Surplusarbeitszeit und erwirtschaftet einen \u00bbExtraprofit\u00ab, der ihm einen Wettbewerbsvorteil verschafft.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Arbeiter hat die Beschleunigung der Produktion durch verbesserte Produktivkr\u00e4fte eine doppelte Konsequenz. Zum einen verl\u00e4ngert und intensiviert sie seinen Arbeitstag. Marx spricht von dem \u00bb\u00f6konomischen Paradoxon\u00ab, dass die Maschine, \u00bbdas gewaltigste Mittel zur Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit\u00ab unter kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen \u00bbin das unfehlbarste Mittel umschl\u00e4gt, alle Lebenszeit des Arbeiters und seiner Familie in disponible Arbeitszeit f\u00fcr die Verwertung des Kapitals zu verwandeln\u00ab. An sich erleichtert die Maschine die Arbeit, \u00bbkapitalistisch angewendet\u00ab aber steigert sie vor allem ihre Intensit\u00e4t, so dass ein Zehnstundentag \u00bbjetzt so viel oder mehr Arbeit\u00ab enth\u00e4lt wie fr\u00fcher ein Zw\u00f6lfstundentag (23, 430, 465, 433). Zum anderen gibt die Maschine die Geschwindigkeit der Arbeit vor. Dass der Arbeiter zum \u00bblebendigen Anh\u00e4ngsel\u00ab der Maschine wird (23, 445), hei\u00dft auch, dass die \u00bbEigenzeit\u00ab (der Biorhythmus) des Arbeiters der mechanischen Zeit, dem Takt der Maschine, untergeordnet und durch die Maschine eine Beschleunigung der Arbeit erzwungen wird.<\/p>\n<p>Wie in der Produktion hat die Beschleunigung auch in der Zirkulation das Ziel, den Profit zu steigern; wie in der Produktion wird auch sie dem einzelnen Kapitalisten bei Strafe des Untergangs durch die Konkurrenz aufgezwungen. War die Beschleunigung der Produktion (in der die Warenwerte erzeugt werden) allerdings unmittelbar auf die Steigerung des Profits gerichtet, so zielt die Beschleunigung der Zirkulation (in der den Waren keine Werte hinzugef\u00fcgt werden) nur mittelbar auf die Steigerung des Profits: durch Senkung der Kosten, die bei der Vorbereitung der Produktion oder der Realisierung des Mehrwerts anfallen.<\/p>\n<p>Wird die Beschleunigung der Produktion vornehmlich durch die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte, so wird die Beschleunigung der Zirkulation durch die Vermeidung von Verz\u00f6gerungen im gesamten Kreislauf der Produktion erreicht. Neben der Reduzierung der Kosten (die den Mehrwert schm\u00e4lern) nennt Marx ein zweites Motiv, das zur Beschleunigung der Zirkulation anspornt: die Reduzierung des unternehmerischen Risikos und zwar in verschiedener Hinsicht. Erstens vermindern eine \u00bbgr\u00f6\u00dfere Geschwindigkeit, Regelm\u00e4\u00dfigkeit und Sicherheit\u00ab, womit die n\u00f6tigen Produktionsmittel beschafft werden k\u00f6nnen, das Risiko, dass die Produktionsabl\u00e4ufe ins Stocken geraten (24, 143). Zweitens steigt \u00bbmit der l\u00e4ngeren Umlaufszeit der Waren das Risiko eines Preiswechsels auf dem Verkaufsmarkt\u00ab (24, 255), so dass die Kalkulation nicht mehr stimmt und die berechneten Erl\u00f6se nicht mehr erzielt werden k\u00f6nnen. Drittens besteht die M\u00f6glichkeit, dass die Produktion, aus welchen Gr\u00fcnden immer, eingestellt und nicht zu Ende gef\u00fchrt wird. Mit der L\u00e4nge der Umschlagszeit w\u00e4chst daher das Risiko, dass \u00bbdie bereits \u2026 verzehrten Produktionsmittel und Arbeit nutzlos verausgabt\u00ab (24, 233) worden sind.<\/p>\n<p><strong>Verk\u00fcrzung der Umschlagszeit<\/strong><\/p>\n<p>Die Mittel, um die Zeit f\u00fcr die Bereitstellung der Produktionsmittel zu verk\u00fcrzen, sind Verbesserung der Kommunikation, des Transports, der Vorratshaltung (von Rohstoffen und Werkzeugen), damit keine Engp\u00e4sse oder Verz\u00f6gerungen entstehen. Zur \u00bbLogistik\u00ab der Abl\u00e4ufe geh\u00f6rt auch ein \u00bbflexibler Arbeitsmarkt\u00ab, der geeignete Arbeitskr\u00e4fte in ausreichender Menge bereitstellt. Gro\u00dfe Bedeutung spricht Marx der \u00bbBuchf\u00fchrung\u00ab zu, die nicht nur die Preise kalkuliert, sondern die ganze \u00bbBewegung der Produktion und namentlich der Verwertung\u00ab (24, 135) kontrolliert und rational organisiert. Sie sorgt daf\u00fcr, dass die Bereitstellung der Produktionsmittel zwar so gro\u00df wie n\u00f6tig ist, damit die Arbeitsabl\u00e4ufe nicht unterbrochen werden, gleichzeitig aber so gering wie m\u00f6glich, damit keine zus\u00e4tzlichen \u00bbAufbewahrungskosten\u00ab (24, 138) entstehen.<\/p>\n<p>Unter Produktionszeit versteht Marx \u00fcber die Arbeitszeit (in der die Waren produziert werden) hinaus auch die Unterbrechungen der Arbeit, die zur Regeneration der Arbeiter (Pausen, N\u00e4chte) oder zur Reifung der Arbeitsprodukte (Wachstum des ausges\u00e4ten Korns, G\u00e4rung der gepressten Trauben) erfordert sind. Da das Kapital, das in Fabrikgeb\u00e4ude, Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe etc. investiert ist (\u00bbfixes Kapital\u00ab) seinen Wert auch dann verliert, wenn nicht gearbeitet wird, n\u00e4mlich durch Alterung oder \u00bbmoralischen Verschlei\u00df\u00ab, d.\u2009h. \u00dcberholt-Werden durch den technischen Fortschritt (23, 426), ist der Kapitalist daran interessiert, dass die Arbeit nach M\u00f6glichkeit nicht unterbrochen wird. Im einen Fall nimmt die Beschleunigung die Form der Schicht- und Nachtarbeit an. Im anderen Fall wird versucht, die Reife- oder G\u00e4rungszeiten zu verk\u00fcrzen, etwa durch die k\u00fcnstliche Trocknung von Holz (24, 242) oder \u2013 Beispiele, die Marx nicht anf\u00fchrt \u2013 durch Gew\u00e4chsh\u00e4user, Beheizung des Bodens, Zusatz von Chemikalien oder Z\u00fcchtung schneller reifender Arten. Da w\u00e4hrend der \u00bb\u00fcbersch\u00fcssigen\u00ab Zeit (N\u00e4chte, Reifezeit) \u00bbkeine Verwertung des produktiven Kapitals\u00ab, also keine Mehrwertproduktion stattfindet und nur (Zirkulations-)Kosten anfallen, besteht \u00bbdie Tendenz der kapitalistischen Produktion, den \u00dcberschuss der Produktionszeit \u00fcber die Arbeitszeit m\u00f6glichst zu verk\u00fcrzen\u00ab (24, 127).<\/p>\n<p>Die Verk\u00fcrzung der Realisierungszeit, d.\u2009h. des Verkaufs der hergestellten Waren, spielt in Marx\u2019 Analyse noch eine untergeordnete Rolle. Hierzu geh\u00f6rt neben der guten Organisation des Transports (Beschleunigung der Lieferzeit) auch der ganze Bereich der Reklame und Werbung (einschlie\u00dflich Mode und Waren\u00e4sthetik), der Erzeugung neuer Bed\u00fcrfnisse oder die gezielte Reduktion der Haltbarkeit (Verschlei\u00df), wodurch die Nachfrage gesteigert und beschleunigt wird.<\/p>\n<p>Das wirkungsvollste Mittel, um die gesamte Umschlagszeit zu verk\u00fcrzen, ist das Kreditsystem. Unter normalen Umst\u00e4nden m\u00fcsste gewartet werden, bis der ganze Kreislauf beendet, die Waren W\u2019 also verkauft, das Geld G\u2019 zur\u00fcckgekehrt ist, bis ein neuer Umschlag begonnen werden kann. Im Interesse einer beschleunigten Akkumulation zieht der Kapitalist den Beginn des n\u00e4chsten Umschlags allerdings nach vorne. Anders ausgedr\u00fcckt: Er kauft Arbeitskr\u00e4fte und Produktionsmittel und beginnt mit der Produktion neuer Waren, noch ehe die alten Waren (aus dem vorherigen Umschlag) verkauft sind. Da er das vorgeschossene Geld aber noch nicht zur\u00fcckerhalten hat, leiht er sich das Geld.<\/p>\n<p>An die Stelle des Geldes (als direktes Zahlungsmittel) tritt zun\u00e4chst der Wechsel als Zahlungsversprechen, der bis zu seinem Verfallstag selbst (als indirektes Zahlungsmittel) zirkuliert. Durch Wechsel werden Zahlungen aufgeschoben, insofern bilden sie die Grundlage des Kredits. Es handelt sich um wechselseitige Vorsch\u00fcsse, die sich Industrielle und Kaufleute untereinander geben (\u00bbHandelskredit\u00ab) bzw. um Vorsch\u00fcsse, die Banken (die Geh\u00e4lter, Spargelder etc. einsammeln und verwalten) an Industrielle und Kaufleute vermitteln (\u00bbBankkredit\u00ab) (25, 413, 415 f.) Durch Wechsel oder Kredite, f\u00fcr die Zinsen gezahlt werden m\u00fcssen, die aus dem realisierten Gewinn abgezweigt werden, wird der Umschlagsprozess \u00bbaufs \u00e4u\u00dferste forciert\u00ab. Marx spricht von der ungeheuren \u00bbBeschleunigung der einzelnen Phasen der Zirkulation oder der Warenmetamorphose\u00ab, der ungeheuren Beschleunigung \u00bbder Metamorphose des Kapitals und damit der Beschleunigung des Reproduktionsprozesses \u00fcberhaupt\u00ab (25, 452) durch das Kreditsystem. Denn zwischen der ersten Phase des Umschlags G \u2013 W und der zweiten Phase W\u2019 \u2013 G\u2019 \u00bbsteht der Produk\u00adtionsprozess [nicht] still\u00ab (24, 45); vielmehr k\u00f6nnen sich beide Phasen \u00fcberlagern und gleichzeitig ablaufen, womit zugleich Zeit eingespart wird und der Profit w\u00e4chst.<\/p>\n<p><strong>Ausbr\u00fcche des Widerspruchs<\/strong><\/p>\n<p>Die Aktie bildet in Marx\u2019 Darstellung die entwickeltste und speziellste Form des Kredits. Sie ist weder Handelskredit noch Bankkredit, sondern ein Kredit, den (Klein-) Anleger an gro\u00dfe Unternehmen (Aktiengesellschaften) geben. Sie werden dadurch anteilsm\u00e4\u00dfig zu Miteigent\u00fcmern, die (in Form der Dividende) am Profit des Unternehmens beteiligt werden, aber auch das Risiko mittragen, wodurch sie im Falle des Bankrotts ihr eingesetztes Geld verlieren k\u00f6nnen. Vor allem handelt es sich um eine Form des Kredits, der nicht nur zum reibungslosen Ablauf des Kapitalumschlags, sondern zur Ausdehnung der Produktion bzw. zur Finanzierung neuer Umschl\u00e4ge mit neuen Waren eingesetzt wird, wie im 19. Jahrhundert etwa zur Finanzierung des Eisenbahnbaus. Die Beschleunigung, die schon mit dem Kreditwesen eingetreten ist, wird noch insofern forciert, als die von den Aktion\u00e4ren gew\u00e4hrten \u00bbKredite\u00ab (je nach dem erhofften Gewinn oder dem bef\u00fcrchteten Verlust) in k\u00fcrzester Zeit wieder abgezogen und in andere Produktionszweige geworfen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mit der gewollten und beabsichtigten Beschleunigung der Produktion bewirkt das Kredit- oder Aktiensystem auch eine ungewollte und nicht beabsichtigte Beschleunigung der \u00bbgewaltsamen Ausbr\u00fcche dieses Widerspruchs\u00ab der kapitalistischen Produktionsweise, d.\u2009h. der Krisen. Sie \u00bbbeschleunigen \u2026 die \u2026 Aufl\u00f6sung der alten Produktionsweise\u00ab (25, 457). Unter dem Aspekt der Zeit lassen sich Wirtschaftskrisen als Inkongruenz zweier Geschwindigkeiten interpretieren. Durch Kredite oder die Ausgabe von Aktien n\u00e4mlich wird zum einen in \u00bbt\u00e4glich wachsender Raschheit \u2026 die Produktion gesteigert\u00ab und das Warenangebot vergr\u00f6\u00dfert. Dem vergr\u00f6\u00dferten Warenangebot aber steht zum anderen \u00bbdie stets zunehmende Langsamkeit der Ausdehnung des Marktes f\u00fcr diese vermehrten Produkte\u00ab (25, 453; Einf\u00fcgung von Engels) gegen\u00fcber. Die zeitlichen Abl\u00e4ufe von Produktion und von Konsumtion f\u00fcgen sich nicht mehr ineinander, ihre Einheit zerbricht, die \u00dcberproduktion von Waren trifft auf eine (durch gleichbleibende oder schwindende Kaufkraft bedingte) Unterkonsumtion bei den Massen. In der Folge fallen die Preise, das Kreditsystem bricht zusammen, weil die Schulden nicht mehr bedient werden k\u00f6nnen. Die durch das Kredit- und Aktiensystem bewirkte Beschleunigung schl\u00e4gt in ihr Gegenteil um, in eine Entschleunigung oder in einen Stillstand, bei dem Unternehmen Bankrott gehen, Arbeiter arbeitslos und Waren vernichtet werden.<\/p>\n<p>\u00bb\u00d6konomie der Zeit\u00ab hei\u00dft es in den \u00bbGrundrissen der Kritik der politischen \u00d6konomie\u00ab von 1857\/58, \u00bbdarein l\u00f6st sich schlie\u00dflich alle \u00d6konomie auf\u00ab. Gemeint ist der haush\u00e4lterische, sparsame, rationale, planvolle Umgang mit der Zeit, denn: \u00bbJe weniger Zeit die Gesellschaft bedarf, um Weizen, Vieh etc. [zur Befriedigung der Grundbed\u00fcrfnisse] zu produzieren, desto mehr Zeit gewinnt sie zu anderer Produktion, materieller und geistiger\u00ab (42, 89), \u00bbzum enjoyment [Genie\u00dfen], zur Mu\u00dfe, \u2026 zur freien T\u00e4tigkeit\u00ab. \u00bbWealth is disposable time, and nothing more.\u00ab [Reichtum ist verf\u00fcgbare Zeit, und sonst nichts.] \u00bbDie Zeit ist der Raum f\u00fcr die Entwicklung der faculties\u00ab [der menschlichen F\u00e4higkeiten] (26.3, 252). Marx unterscheidet zwischen dem Reich der Naturnotwendigkeit, d.\u2009h. der Produktion der lebensnotwendigen G\u00fcter, und dem Reich der Freiheit, das erst da \u00bbbeginnt, wo das Arbeiten, das durch Not und \u00e4u\u00dfere Zweckm\u00e4\u00dfigkeit bestimmt ist, aufh\u00f6rt\u00ab und \u00bbdie menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt\u00ab beginnt (25, 828). Um dieses Reich der Freiheit und der menschlichen Selbstentfaltung zu erweitern, muss \u2013 das ist die \u00bbGrundbedingung\u00ab \u2013 der Arbeitstag verk\u00fcrzt werden, was aber nur m\u00f6glich ist, wenn \u00bbder vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten\u00ab \u00f6konomisch mit der Zeit umgehen und \u00bbihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln und unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen\u00ab.\u00b2<\/p>\n<p><strong>Kolossale Verschwendung<\/strong><\/p>\n<p>In den Ausf\u00fchrungen \u00fcber die \u00bb\u00d6konomie der Zeit\u00ab stecken zwei Thesen. Erstens: Der Kapitalismus verschwendet Zeit, trotz aller seiner Beschleunigungen. Er entfremdet die Zeit dem Menschen, unterwirft die Lebenszeit (Eigenzeit) der Arbeitszeit (fremdbestimmte Zeit), l\u00e4sst zu wenig Zeit f\u00fcr Mu\u00dfe oder selbstbestimmte T\u00e4tigkeit. Zweitens: Das \u00bbReich der Freiheit\u00ab (die Utopie des Kommunismus) geht \u00bb\u00f6konomischer\u00ab mit der Zeit um, es gewinnt die Kontrolle \u00fcber sie zur\u00fcck, erweitert die freie Zeit der Mu\u00dfe und Selbstbestimmung durch Zeitersparnis im Reich der Naturnotwendigkeit. Was den Kapitalismus in Marx\u2019 Augen diskreditiert, ist nicht nur das Privateigentum an den Produktionsmitteln, die Ausrichtung der Produktion am Tauschwert (Profit) oder die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft; es ist auch die daraus entspringende Zeitverschwendung. Zum einen haben die Krisen immer eine kolossale Verschwendung von Zeit zur Folge: Bis sich die richtige Proportion zwischen Angebot und Nachfrage wieder eingependelt hat und ein neuer Konjunkturzyklus beginnen kann, steigt die Arbeitslosigkeit und Zeitpotentiale liegen brach. Zum anderen wird die Beschleunigung immer nur in Teilbereichen vorangetrieben, die sich dann gegenseitig zeitraubend in die Quere kommen und die harmonische Entwicklung des Ganzen behindern: W\u00e4hrend jeder einzelne Betrieb h\u00f6chst rationell und zeitsparend arbeitet, bringt das Gegeneinander der einzelnen Betriebe, das \u00bbanarchistische System der Konkurrenz die ma\u00dfloseste Verschwendung\u00ab mit sich, nicht nur durch eine \u00bbUnzahl \u2026 entbehrlicher, aber an und f\u00fcr sich \u00fcberfl\u00fcssiger Funktionen\u00ab (23, 552), sondern auch der Zeit.<\/p>\n<p>Da sich die Produktion am Tauschwert (Profit) und nicht an den Bed\u00fcrfnissen orientiert, wird oftmals das Falsche und fortw\u00e4hrend zu viel produziert. Wenn eine Ware \u00bbin einem das gesellschaftliche Bed\u00fcrfnis \u2026 \u00fcberschreitenden Ma\u00df produziert\u00ab wird und also verdirbt, nicht gebraucht und weggeworfen wird, so ist damit auch \u00bbein Teil der gesellschaftlichen Arbeitszeit vergeudet\u00ab (25, 197). Dieselbe Vergeudung von Zeit findet statt, wenn ein Teil der produzierten Waren absichtlich vernichtet wird, um das Angebot zu verknappen und den Marktpreis nicht fallen zu lassen. Nach der Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise, so prognostiziert Marx, wird der Umgang mit der Zeit \u00f6konomischer, d.\u2009h. rationeller geregelt werden: \u00bbdie Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit unter die verschiedenen Produktionsgruppen\u00ab und die \u00bbBuchf\u00fchrung hier\u00fcber\u00ab wird dann \u00bbwesentlicher denn je\u00ab (25, 859).<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/316720.reine-zeitvergeudung.html\">jungewelt.de&#8230;<\/a> vom 21. August 2017<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Karl Marx\/Friedrich Engels: Werke, Berlin 1956 ff., Bd. 23, S. 102; im Folgenden im Text nur als Band- und Seitenzahl zitiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konrad Lotter. Der Kapitalismus kommt ohne fortw\u00e4hrende Beschleunigung nicht aus. 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