{"id":13664,"date":"2023-10-06T09:44:54","date_gmt":"2023-10-06T07:44:54","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=13664"},"modified":"2023-10-06T09:44:55","modified_gmt":"2023-10-06T07:44:55","slug":"offensive-der-ukraine-afrika-und-der-zynismus-des-us-imperialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/backup.maulwuerfe.ch\/?p=13664","title":{"rendered":"<strong>Offensive der Ukraine, Afrika und der Zynismus des (US-)Imperialismus<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Thomas Kaiser. <\/em><strong>Jacques Baud \u00fcber den Zynismus und die Falscheinsch\u00e4tzungen des Westens, das russische Verteidigungskonzept und den Grund f\u00fcr das Scheitern des Westens in Afrika.<\/strong><\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch mit Jacques Baud f\u00fchrte Thomas Kaiser f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/zeitgeschehen-im-fokus.ch\/de\/newspaper-ausgabe\/nr-14-vom-3-oktober-2023.html\">neueste Ausgabe von Zeitgeschehen im Fokus<\/a>.<!--more--><\/p>\n<p><em>Thomas Kaiser\/Zeitgeschehen im Fokus: Ihr Buch \u00abPutin \u2013 Herr des Geschehens?\u00bb ist vor etwa zwei Monaten auf Deutsch erschienen. Was hat es f\u00fcr Reaktionen ausgel\u00f6st?<\/em><\/p>\n<p><strong>Jacques Baud:<\/strong> In den Mainstream-Medien wurde es kaum erw\u00e4hnt, aber ich wei\u00df, dass sehr viele Journalisten aus den gro\u00dfen Medienh\u00e4usern es gelesen haben. Es beruht auf Fakten, die mit Quellen belegt werden. Es enth\u00e4lt andere Aspekte und Einsch\u00e4tzungen als die, die tagt\u00e4glich von den Mainstream-Medien verbreitet werden. Aufgrund der vielen Quellen, die die Beurteilung der Vorg\u00e4nge belegen, ist es sehr schwierig, Kritik daran zu \u00fcben. Das ist sicherlich auch der Grund, warum ich keine negativen Kritiken erhalten habe, obwohl ich glaube, dass dieses Buch viele Menschen verst\u00f6rt.<\/p>\n<p>In den R\u00fcckmeldungen einiger Journalisten habe ich festgestellt, dass sie \u00fcber den Konflikt sehr schlecht informiert sind. Viele fragten mich nach Informationen, die von den Ukrainern selbst gegeben worden waren! Sehr viele haben auf das Buch gewartet. Viele merken jetzt, dass alles, was \u00fcber die Ukraine, die Russen und den Krieg berichtet wurde, nicht stimmt.<\/p>\n<p>Die Schwierigkeiten in der Ukraine sind massiv. Nicht nur auf der milit\u00e4rischen, sondern auch auf der gesellschaftlichen Ebene: mit Anpassung der Gesetze, die Verst\u00e4rkung der Strafen gegen Deserteure, Verbot der Ausreise und so weiter. Das sind alles Indikatoren daf\u00fcr, dass die ukrainische Verteidigung nicht so funktioniert, wie sie bei uns dargestellt worden ist. Diese Diskrepanz zwischen dem, was man heute sieht und h\u00f6rt, und dem, was man uns vor anderthalb Jahren erz\u00e4hlt hat, ist das Haupthindernis f\u00fcr die L\u00f6sung des Konflikts. Ganz konkret bedeutet das, unsere Medien sind die Architekten der Niederlage der Ukraine und die Ursache, dass keine Verhandlungsl\u00f6sung gefunden wird.<\/p>\n<p><em>Thomas Kaiser: Sie haben Schwierigkeiten der Ukraine auf milit\u00e4rischer und gesellschaftlicher Ebene erw\u00e4hnt. Wie hat sich die milit\u00e4rische Lage seit der Sommeroffensive entwickelt? Haben wir immer noch den Status quo: Die Ukrainer greifen an, und die Russen lassen sie dabei ins Messer laufen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Jacques Baud:<\/strong> Das ist genau so. Seit dem Oktober letzten Jahres haben die Russen, und das wurde von General Sorowikin deutlich kommuniziert, eine neue Strategie gefahren: Wir werden keine gro\u00dfen Operationen mehr durchf\u00fchren. Wir werden auf den Feind warten und ihn systematisch vernichten. Dadurch entstand der Ausdruck, der f\u00fcr Bachmut benutzt worden ist: \u00abDer Fleischwolf\u00bb.<\/p>\n<p>Die Russen planten diese Strategie genau, bereiteten sie vor und f\u00fchrten sie durch. Sie erstellen seit fast einem Jahr ein Verteidigungsdispositiv entlang der Frontlinie, das in der Tiefe gestaffelt ist. Die erste Zone ist eine \u00dcberwachungszone, als n\u00e4chstes folgt eine zwei- bis dreistufige Verteidigungslinie, die sogenannte Surowikin-Linie. Die erste Zone bildet ein Landstreifen mit einer Breite von ungef\u00e4hr 5 bis 10 Kilometern. In dieser \u00dcberwachungszone gibt es kein Verteidigungsdispositiv, aber Minenfelder. Auch operieren dort leichte dynamische Verb\u00e4nde, sogenannte Panzerj\u00e4ger, die ausgebildet und ausger\u00fcstet sind, Panzer zu jagen und diese zu bek\u00e4mpfen. Unterst\u00fctzt werden sie dabei durch Drohnen. In einigen Gebieten scheinen die Russen sogar Roboter getestet zu haben. Es gibt keine befestigten Verteidigungsanlagen wie Panzersperren, Sch\u00fctzengr\u00e4ben und so weiter.<\/p>\n<p>Diese Zone hat nicht das Ziel, den Feind zu stoppen, sondern ihn zu filtrieren und zu kanalisieren. Es geht darum, zu verhindern, dass sich die ukrainische Armee entfalten und einen Hauptsto\u00df bilden kann und so weiter. Die dort vorhandenen Minenfelder k\u00f6nnen relativ einfach \u00fcberquert werden, wenn man die richtigen Mittel daf\u00fcr einsetzt. Hat der Feind eine Bresche in das Minenfeld geschlagen, wird der feindliche Panzer kanalisiert. Er wird dann genau dort durchkommen, wo man ihn erwartet und wo er unsch\u00e4dlich gemacht werden kann.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnliches Verteidigungskonzept gab es auch in der Schweizer Armee. Man hatte Minenfelder rund um die Schweiz und dahinter auch eine dynamische Verteidigung mit Panzern und \u00c4hnlichem. Auch hier ging es darum, den Feind zu kanalisieren. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass die Russen ihre Aufkl\u00e4rungs- und Feuermittel in ein einziges F\u00fchrungssystem integriert haben, das es ihnen erm\u00f6glicht, in Echtzeit zu reagieren.<\/p>\n<p>Obwohl laut ukrainischen Quellen die Offensive offiziell bereits im Mai begonnen hat, gehen wir von einem Beginn am 4.\u2009Juni aus, was bereits mehr als drei Monate her ist. In dieser Zeit erreichten die Ukrainer nicht einmal die Surowikin-Linie der Russen. Der Durchbruch, der erwartet worden war, erfolgte nicht. Was \u00fcbrig bleibt, sind Kapazit\u00e4ten, die nicht mehr ausreichen, um einen weiteren Vorsto\u00df durchzuf\u00fchren. Man kann sagen, milit\u00e4risch ist die Gegenoffensive ein Misserfolg.<\/p>\n<p><em>Thomas Kaiser: Dann geh\u00f6rt der in unseren Medien aufgeblasene \u00abDurchbruch von Rabotino\u00bb ins gleiche Kapitel?<\/em><\/p>\n<p><strong>Jacques Baud:<\/strong> Ja, so ist es. Die Ukrainer sind zwar in die N\u00e4he der ersten Verteidigungslinie gekommen, waren im Raum Rabotino, aber ein Durchbruch ist nicht gelungen. Tarnavskij, General der ukrainischen Streitkr\u00e4fte, berichtete, es h\u00e4tte einen Durchbruch gegeben. Er betrachtete die Sicherheitszone als Verteidigungslinie. Man spielt hier mit Begriffen.<\/p>\n<p>Aber Fakten sind Fakten: Es gibt keinen Durchbruch. Man wei\u00df, die USA waren sich im Klaren, dass die Offensive keinen Erfolg haben w\u00fcrde. Die Situation wurde mit einem Kriegsspiel durchgespielt. Es hat gezeigt, dass das keinen Erfolg bringen wird. Die USA haben die Ukraine in die Offensive gegen die Russen einsteigen lassen, wohlwissend, dass sie verlieren wird. Das zeigt den Zynismus der westlichen L\u00e4nder gegen\u00fcber der Ukraine.<\/p>\n<p><strong>\u201eDas Ziel der westlichen L\u00e4nder war nicht der Sieg der Ukraine, sondern die Niederlage Russlands\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>Thomas Kaiser: Muss man sich das Kriegsspiel wie ein Computerspiel vorstellen mit Simulation und Algorithmen, um zu einer m\u00f6glichst realistischen Darstellung und Einsch\u00e4tzung zu kommen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Jacques Baud:<\/strong> Es ist genau das. Es ist eine modellhafte Simulation eines Kampfes. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg bis in die 60er, 70er Jahre hatte man das im Sandkasten gemacht, bis die Computerisierung weit genug fortgeschritten war, um das am Bildschirm zu simulieren. So konnte man die M\u00f6glichkeiten des Feindes und die eigenen ausloten. Man versucht, die m\u00f6glichst beste Entscheidung zu treffen. Die Schweiz arbeitet ebenfalls mit Simulationen.<\/p>\n<p><em>Thomas Kaiser: Warum lie\u00dfen die USA die Ukraine mit der Fr\u00fchjahrsoffensive in dieses Desaster laufen, obwohl sie doch genau wussten, dass es nicht gelingen wird, die Russen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Jacques Baud:<\/strong> Das Ziel der westlichen L\u00e4nder war nicht der Sieg der Ukraine, sondern die Niederlage Russlands. Das scheint zun\u00e4chst das Gleiche zu sein, aber es gibt einen Unterschied. Der Ukraine geht es darum, das Territorium zur\u00fcckzuerobern. Das ist verst\u00e4ndlich. Ihr Ziel ist die Wiederherstellung der territorialen Integrit\u00e4t und der Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber die eroberten Gebiete. Im Westen ist die Zielsetzung etwas anders.<\/p>\n<p>Schon am Anfang \u2013 das wei\u00df man aus Aussagen von Arestowitsch sowie der Rand-Cooperation im Fr\u00fchling 2019 \u2013 war es das Ziel der USA, einen Sturz der Regierung in Russland zu erreichen. Man wusste und wei\u00df, dass die Ukraine nicht die St\u00e4rke und auch nicht die F\u00e4higkeit hat, die Russen milit\u00e4risch zu besiegen. Aber man war \u00fcberzeugt, dass ein l\u00e4ngerer Krieg die russische Bev\u00f6lkerung beeinflusst. Man erwartete in diesem Krieg eine Erm\u00fcdung der Russen. Am Schluss sollte der verl\u00e4ngerte Krieg eine politische Krise ausl\u00f6sen, die zum Sturz der jetzigen Regierung f\u00fchren sollte. Das Grundelement f\u00fcr diese Idee ist die \u00dcberzeugung des Westens, dass die Mehrheit der russischen Bev\u00f6lkerung Putin hasst und jede M\u00f6glichkeit sucht, um gegen die Regierung vorgehen zu k\u00f6nnen. Das ist die Logik.<\/p>\n<p><em>Thomas Kaiser: Ich m\u00f6chte nochmals auf Rabotino zur\u00fcckkommen. Wurden die Ukrainer wieder aus der Sicherheitszone herausgedr\u00e4ngt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Jacques Baud:<\/strong> Das Problem ist, dass Rabotino an der Frontlinie liegt. Es ist sozusagen das, was man im Ersten Weltkrieg als \u00abNiemandsland\u00bb bezeichnete. Das Dorf liegt in der Kampfzone, aber die Ukraine hat es nicht unter Kontrolle. Doch was heute gilt, ist morgen vielleicht nicht mehr wahr, da die Ukrainer vorr\u00fccken und sich wieder zur\u00fcckziehen. Die Russen lassen die Ukrainer vorr\u00fccken, zerst\u00f6ren sie mit Artillerie und gewinnen dann wieder an Boden; das gleiche Szenario wiederholt sich unaufh\u00f6rlich. Im Fall von Rabotino setzten die Ukrainer etwa 10 Brigaden in diesem Gebiet ein und erlitten enorme Verluste. Rabotino ist ein Dorf und hatte vor dem Krieg etwa 480 Einwohner. Die Menschen wurden nat\u00fcrlich evakuiert. Das ist im Grunde genommen ein unbedeutendes Dorf. Die 12 Brigaden, die f\u00fcr diese Gegenoffensive vorbereitet, ausger\u00fcstet und ausgebildet wurden \u2013 9 Brigaden im Westen, zum Beispiel in Deutschland und so weiter, und drei Brigaden in der Ukraine \u2013 waren an dem Vorsto\u00df beteiligt.<\/p>\n<p>Vor einigen Tagen f\u00fchrten die Russen eine Rotation der im Sektor Rabotino eingesetzten Truppen durch. Offenbar wechselten sie nur 500 Mann aus. Die Zahl ist nicht best\u00e4tigt, aber sie k\u00f6nnte darauf hindeuten, dass den zehn Brigaden etwa 500 M\u00e4nner gegen\u00fcberstanden. Wenn dies zutrifft, bedeutet dies, dass diese 500 M\u00e4nner 30.000 bis 40.000 ukrainische Soldaten zur\u00fcckgehalten h\u00e4tten. Dies ist nicht unm\u00f6glich, wenn man das Gel\u00e4nde einbezieht. Vor allem aber k\u00f6nnte die bemerkenswerte Integration des Kampfs der verbundenen Waffen durch die\u00a0 russische F\u00fchrung diesen Erfolg erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><em>Thomas Kaiser: War diese Taktik nicht auch an anderen Orten f\u00fcr die Russen erfolgreich?<\/em><\/p>\n<p><strong>Jacques Baud:<\/strong> Ja, die Taktik der Russen wurde in Charkow im September 2022 und in Cherson im Oktober 2022 angewendet. Damals hatten unsere Medien das so interpretiert, dass die Ukraine eine viel bessere operationelle F\u00fchrung habe und den Russen \u00fcberlegen sei. Das ist eine falsche Beurteilung. Ich hatte das immer wieder erkl\u00e4rt: In Charkow und Cherson zogen sich die Russen zur\u00fcck, weil sie die Gebiete nicht verteidigen, die Frontlinie verk\u00fcrzen und in ihrem Dispositiv eine h\u00f6here Dichte in der Verteidigungslinie wollten. Sie verlie\u00dfen diese Gebiete, erst dann \u00abgriffen\u00bb die Ukrainer an.<\/p>\n<p>Die USA entdeckten damals, dass die Russen diese Gebiete verlassen hatten und informierten die Ukrainer. Zu dem Zeitpunkt hatten die Ukrainer eine Offensive im Gebiet um Cherson. Die USA teilten ihnen dann mit, dass sie jetzt nach Charkow wechseln sollten. Die Ukraine warf ihre Pl\u00e4ne \u00fcber den Haufen und verlegte Truppen nach Charkow. Dort kamen sie in ein leeres Gebiet. Sobald die Ukrainer weiter in Gebiete vorstie\u00dfen, wurden sie vom Artilleriefeuer der Russen empfangen und hatten gro\u00dfe Verluste, obwohl es zu keiner Schlacht kam. In unseren Medien konnte man dann \u00fcber den Erfolg der Ukrainer lesen. Tats\u00e4chlich wurden sie in eine Falle gelockt und von massiver russischer Artillerie empfangen.<\/p>\n<p>Das ist auch der Grund, warum Selenskij einen Monat sp\u00e4ter sehr vorsichtig war, Charkow anzugreifen. Er hat gesagt, sie w\u00fcrden erneut in eine Falle gelockt. Er hatte Recht! Bei der ukrainischen Gegenoffensive wandten die Russen die gleiche Taktik an.<\/p>\n<p>Der Westen erwartete aber, sobald die Gegenoffensive beginne, w\u00fcrden die Russen sofort in Panik geraten und fliehen. Die Folge w\u00e4re eine politische Krise in Russland, indem die Bev\u00f6lkerung gegen die Regierung auf die Stra\u00dfe ginge. Diese Krise w\u00fcrde den Sturz Putins bewirken. Das war eine verr\u00fcckte Idee \u2026<\/p>\n<p><em>Thomas Kaiser: Bei jeder milit\u00e4rischen Operation steckt immer die gleiche Idee dahinter, die russische Bev\u00f6lkerung zu einem Aufstand zu bringen oder den Sturz Putins zu erreichen. Ist das nicht fern jeglicher Realit\u00e4t?<\/em><\/p>\n<p><strong>Jacques Baud:<\/strong> Ja, das ist eine falsche Einsch\u00e4tzung des Westens \u00fcber die Stimmung in Russland. Man ignoriert die Realit\u00e4t seit dem Beginn der \u00abSonderoperation\u00bb. Im Januar 2022 lag die Popularit\u00e4tsquote Putins bei etwa 69 Prozent. Nach dem Beginn der Sonderoperation in der Ukraine stieg diese Quote auf 80 Prozent. Seit diesem Zeitpunkt erreichte sie \u00fcber 80 Prozent. Sie schwankte zwischen 80 und 83 Prozent. Es gab eine Ausnahme im Oktober 2022. Nach dem Verlassen von Charkow sank die Quote auf 77 Prozent. Danach kletterte sie wieder auf die erw\u00e4hnten 83 Prozent.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen wir daraus schlie\u00dfen? Die politische Unterst\u00fctzung f\u00fcr Putin ist extrem stark. Die Bef\u00fcrwortung der Milit\u00e4roperation ist bei der Bev\u00f6lkerung sehr hoch und liegt seit Februar 2022 im Durchschnitt bei 75 Prozent. Im Klartext hei\u00dft das, 20 Prozent sind dagegen, 5 Prozent wissen es nicht, was sie dazu denken sollen, und 75 Prozent stehen hinter Putin. Also die Idee, dass man durch diese Strategie eine politische Krise ausl\u00f6sen und den Regierungswechsel erreichen k\u00f6nnte, ist illusorisch.<\/p>\n<p>Darum haben die ganzen Geschehnisse um Prigoschin im Westen einen so gro\u00dfen Widerhall gefunden. In den westlichen L\u00e4ndern behaupteten die Pseudoexperten und Journalisten unserer Medien, der Plan werde jetzt aufgehen. Die Gegenoffensive im S\u00fcden werde einen destabilisierenden Effekt haben und dieser werde Wirkung zeigen. Das war aber eine falsche Interpretation dessen, was Prigoschin gemacht hatte. Das ist genau der Mechanismus einer Verschw\u00f6rungstheorie. Man nimmt Elemente, die einem passen, und erstellt damit eine Geschichte. Genauso sind die Medien seit Februar 2022 vorgegangen. Das ist der Grund, warum heute niemand begreift, dass durch diese Fehlinformationen die Ukraine den Preis bezahlt. Aufgrund dieser Falschinformationen und Fehlbeurteilung haben wir das Desaster in der Ukraine.<\/p>\n<p><strong>\u201eDie ukrainische Bev\u00f6lkerung hat kaum Vertrauen in die Regierung\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>Thomas Kaiser: Wie realistisch ist die Behauptung, Selenskij habe 400 Millionen an US-amerikanischen Geldern f\u00fcr sich und seine engsten Mitarbeiter abgezweigt? <\/em><\/p>\n<p><strong>Jacques Baud:<\/strong> Dar\u00fcber kann ich nichts sagen. Das ist eine Aussage des ber\u00fchmten US-Journalisten Seymour Hersh, der ein hohes Ansehen in den USA genie\u00dft. Aber grunds\u00e4tzlich ist Korruption ein eindeutiges Problem in der Ukraine, das nun mehr und mehr an die Oberfl\u00e4che gelangt. Im Grunde genommen wei\u00df man das schon lange. Als ich mit der Nato in der Ukraine war, gab es ein Programm, um diese Korruption zu bek\u00e4mpfen. Sie hat sich trotz allem nicht gebessert. Es gibt eine Studie des \u00abKiew Institut of Sociology\u00bb. Sie haben dazu eine Umfrage gemacht. 89 Prozent der Bev\u00f6lkerung sehen in der Korruption das gr\u00f6\u00dfte Problem in der Ukraine. 81 Prozent denken, die politische Korruption sei am meisten verbreitet. 95 Prozent sind der Auffassung, dass Korruption in der ganzen Ukraine verbreitet sei. Interessant ist, dass 78,5 Prozent der ukrainischen Bev\u00f6lkerung der Meinung sind, dass Selenskij f\u00fcr diese Korruption verantwortlich sei. Die ukrainische Bev\u00f6lkerung hat kaum Vertrauen in die Regierung.<\/p>\n<p>Unsere Medien wie \u00abNZZ\u00bb, \u00abBlick\u00bb und so weiter, die sagen, die Ukraine sei ein demokratischer Staat, l\u00fcgen, denn nicht einmal die ukrainische Bev\u00f6lkerung hat diese Sichtweise. Der ukrainische Verteidigungsminister Resnikow wurde unter dem Vorwand der Korruption entlassen. Man wei\u00df seit Monaten, dass er korrupt ist. Der Hauptgrund, warum er entlassen wurde, ist der Misserfolg der Gegenoffensive im S\u00fcden der Ukraine. Allen wurde jetzt klar, dass die Ukraine einen Misserfolg erlitten hatte. Es w\u00e4re undenkbar gewesen, dass Selenskij nicht darauf reagiert h\u00e4tte. Er wollte seine Gener\u00e4le, vor allem General Saluschni, den Kommandanten der ukrainischen Streitkr\u00e4fte, und General Zirsky, Chef des Heeres, nicht entlassen. Das sind Gener\u00e4le, die das Vertrauen von Selenskij genie\u00dfen. Er will diese nicht entlassen. Der Verteidigungsminister hat jetzt einen Posten als Botschafter in London. Hierbei handelt es sich um ein Signal an den Westen, dass Selenskij etwas gegen die Korruption tut. Es ist aber eine Reaktion auf den Misserfolg.<\/p>\n<p><em>Thomas Kaiser: Laut einer Umfrage will die Bev\u00f6lkerung, dass man den Krieg weiterf\u00fchrt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Jacques Baud:<\/strong> Ja, das ist logisch. Ob die Bev\u00f6lkerung immer noch Vertrauen in Selenskij hat, ist f\u00fcr mich eine offene Frage. Es ist egal, wie die Einstellung am Anfang der Milit\u00e4roperation war, jetzt wollen sie den Krieg. Sie wollen Rache und so weiter. Das sind alles Aspekte, die anf\u00e4nglich noch keine Rolle gespielt haben. Das ist logisch.<\/p>\n<p>Ehrlicherweise muss man auch sagen, dass die Ukrainer nicht richtig \u00fcber den Krieg informiert sind. Sie haben den Eindruck, ihr Land sei am Gewinnen. Denn die Desinformation, die wir in Europa erleben, widerspiegelt sich in der ukrainischen Bev\u00f6lkerung. Viele Berichte in der ukrainischen Presse zeigen, dass die ukrainischen Soldaten von unseren Medien get\u00e4uscht wurden: Ihnen wird gesagt, dass die Russen geschw\u00e4cht seien, keine Munition mehr h\u00e4tten und schlecht kommandiert w\u00fcrden. Wenn sie jedoch an der Front sind, sehen sie, dass genau das Gegenteil der Fall ist.<\/p>\n<p>In Europa wird jede Information, die gegen das offizielle Narrativ geht, gestrichen. Die Bev\u00f6lkerung ist \u00fcberzeugt, dass die Ukraine den Krieg gewinnt. Die russische Armee verliert mehr Soldaten als die Ukraine und so weiter. Das Bild, das die Ukrainer haben, entspricht nicht der Realit\u00e4t. Wenn man im Krieg ist, dann gilt diese Logik. Es ist kaum zu erwarten, dass die Ukrainer irgendwelche Sympathien f\u00fcr die Russen haben. Anfang 2022 war das sicher noch nicht so stark. Aber seither ist viel passiert, und sie haben den Krieg jeden Tag. Das Problem ist, sie haben so viel investiert, pers\u00f6nlich, finanziell und menschliches Leben, sie k\u00f6nnen nicht einfach zur\u00fcckgehen. Sondern die Stimmung ist, weiter vorw\u00e4rts zu gehen, weil man den Krieg gewinnt.<\/p>\n<p>Es gab eine Umfrage, ebenfalls des \u00abKiew Institut for Sociology\u00bb, die gezeigt hat, dass 63 Prozent der Bev\u00f6lkerung mindestens drei Personen kennen, die in diesem Krieg gestorben sind.<\/p>\n<p><strong>\u201eWenn man die Probleme in Afrika l\u00f6sen will, geht das nicht auf europ\u00e4ische Art\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>Thomas Kaiser: Lassen Sie mich noch auf ein anderes Thema zu sprechen kommen. Vor ein paar Wochen wurde die Regierung in Niger gest\u00fcrzt. Die Medien vermittelten das Bild, Russland k\u00f6nnte etwas damit zu tun haben. Auf Demonstrationen in der Hauptstadt wurden angeblich auch russische Fahnen geschwenkt. Stimmt das Bild, das hier vermittelt wird?<\/em><\/p>\n<p><strong>Jacques Baud:<\/strong> Nein, das ist falsch. Die Russen waren an diesem Putsch nicht beteiligt. Das war die Pr\u00e4sidialgarde. Das kommt in afrikanischen L\u00e4ndern immer wieder vor, dass die Pr\u00e4sidialgarde den Pr\u00e4sidenten verhaftet und absetzt. Mehr ist es nicht. Er steht unter Hausarrest. Es braucht keine gro\u00dfe Organisation, auch nicht die Unterst\u00fctzung durch einen fremden Staat.<\/p>\n<p>Das Problem in Niger, in Mali, in Burkina Faso ist, dass die Franzosen einen Krieg f\u00fchren, der nirgends hinf\u00fchrt. Alle wissen es. Ich war mehrmals in Mali und sprach mit vielen Menschen, auch mehrmals mit intellektuellen Journalisten, die das best\u00e4tigten. Es gab keine richtige Strategie. Die Regierung des Landes hatte keinen Einblick in diese Strategie und nicht einmal die M\u00f6glichkeit, ein Wort dazu zu sagen. Das ist der Grund, warum Mali und auch Niger die Franzosen dort nicht mehr wollen. Die malische Regierung hat die Franzosen aus dem Land geworfen. Danach verschoben sie ihre Truppen nach Niger und bauten dort eine ziemlich gro\u00dfe Milit\u00e4rbasis. Die USA haben drei Basen im Niger. Der Westen betreibt einen Krieg, der die ganze Region destabilisiert. Das will er nat\u00fcrlich nicht akzeptieren, aber diese L\u00e4nder sagen einfach \u00abstopp\u00bb.<\/p>\n<p>Wir haben heute die Situation, dass die Menschen in ihrem eigenen Land bestimmen wollen. Sie m\u00f6chten die Europ\u00e4er weghaben und haben mehr Vertrauen gegen\u00fcber den Russen. Der Grund ist, dass die Europ\u00e4er die afrikanischen L\u00e4nder falsch behandeln. Man sagt, die Russen h\u00e4tten dieses und jenes gemacht. Das ist Unsinn, sie haben sich nicht eingemischt. Niger hat aktuell ein Abkommen mit Russland geschlossen, aber es wird sich nicht in die Lokalpolitik einmischen, auch die Chinesen tun das nicht. Bei den Franzosen ist es genau das Gegenteil. Sie mischen sich in die Lokalpolitik ein.<\/p>\n<p>Sie kommen wie die USA mit ihren gesellschaftlichen Vorstellungen und \u00fcberfahren die Menschen. Sie wollen die Rolle der Frau \u00e4ndern, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen steuern. Dass man die Situation der Frau verbessert, ist an und f\u00fcr sich keine schlechte Idee, aber man muss sich an der lokalen Kultur orientieren. Man kann nicht kommen und sagen: \u00abVergessen Sie Ihre Kultur, wir wissen und bestimmen, was f\u00fcr Sie gut ist.\u00bb Das haben die Afrikaner endg\u00fcltig satt. Es ist offensichtlich, dass die Russen und die Chinesen nicht so vorgehen. Sie wollen helfen, aber sie sagen nicht, was die anderen zu tun haben. Es gibt keine Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben und die Organisation des Staates.<\/p>\n<p><em>Die westlichen L\u00e4nder, wie Sie eben sagten, h\u00e4tten die L\u00e4nder destabilisiert, was offenkundig ist. Was ist das Ziel?<\/em><\/p>\n<p><strong>Jacques Baud:<\/strong> Hier muss man vorsichtig sein. Die westlichen L\u00e4nder haben die Region destabilisiert, aber ich glaube nicht, dass dies beabsichtigt war. Das liegt vor allem daran, dass man, ohne Strategie und ohne die Auswirkungen zu bedenken, Politik betreibt. Das ist eher das Ergebnis des fehlenden Hirns unserer Politiker als machiavellistischer Pl\u00e4ne.<\/p>\n<p>Wenn man in den L\u00e4ndern Mali oder Niger mit den Leuten spricht, sagen sie einem, das Problem habe begonnen, als 2011 Frankreich, Gro\u00dfbritannien und die USA in Libyen Gaddafi gest\u00fcrzt h\u00e4tten. Dadurch wurde der ganze Norden in Afrika destabilisiert. Gaddafi hatte mit seiner Kenntnis \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse, die Gesellschaft und Kultur in diesem Gebiet eine zentrale Funktion, die Gesellschaft in dieser Zone im Gleichgewicht zu halten. Nachdem Gaddafi gefallen war, begannen alle diese St\u00e4mme, sich gegenseitig zu bek\u00e4mpfen. Das ist das ganze Problem in der Sahel-Zone, vom Sudan bis nach Mauretanien.<\/p>\n<p>Heute hisst man die islamische Flagge dort, aber es geht nicht um Religion. Es ist ein Mittel, um die Menschen gegen den westlichen Einfluss zu mobilisieren. Aber die bestehenden Probleme haben nichts mit der Religion zu tun. Die Probleme entstanden vor allem aus der Stammeskultur heraus, und die St\u00e4mme k\u00f6nnen nicht zusammenleben. Sie k\u00e4mpfen gegeneinander seit Jahrhunderten. So ist zum Beispiel die Situation in Mail.<\/p>\n<p>Wenn man die Probleme l\u00f6sen will, geht das nicht auf europ\u00e4ische Art, sondern auf afrikanische Art. Bei uns ging es darum, einfach Leute zu t\u00f6ten, denn in unseren Augen sind das alles \u00abTerroristen\u00bb, und das l\u00f6st das Problem nicht. Dieses Verhalten der Franzosen hat die Spannungen massiv erh\u00f6ht, und zwar im ganzen Gebiet. Das ist der Grund, warum die Afrikaner die Europ\u00e4er nicht mehr haben wollen. Die Europ\u00e4er verstehen die Situation ganz und gar nicht. Die sogenannte franz\u00f6sische Erfahrung in Afrika ist total verschwunden. Diejenigen, die heute in Afrika sind, haben keine Erfahrung. Vor 70 Jahren gab es Leute, die in Afrika gelebt hatten. Sie hatten eine sehr tiefe Kenntnis \u00fcber die St\u00e4mme. Dadurch konnten sie das Gleichgewicht zwischen ihnen aufrechterhalten. Dieses Know-how ist verschwunden. So kann man das grunds\u00e4tzliche Problem nicht l\u00f6sen und dessen Ursache beheben.<\/p>\n<p><em>Spielen Bodensch\u00e4tze keine Rolle? Gibt es nicht viel Uran in Mali?<\/em><\/p>\n<p><strong>Jacques Baud:<\/strong> Ja, Uran gibt es, aber das ist nicht unbedingt das Problem. Mali hat diese Bodensch\u00e4tze, und sie werden das an denjenigen verkaufen, der es haben m\u00f6chte. Die Bodensch\u00e4tze sind sicher ein Aspekt und der Preis, den Frankreich daf\u00fcr bezahlen muss, sie sind aber nicht das Hauptelement. Das zentrale Problem ist der Eingriff in die Gesellschaft und der mangelnde Respekt des Westens gegen\u00fcber den afrikanischen L\u00e4ndern und ihrer Kultur. Es w\u00e4re nicht richtig, wenn man die Entwicklung in Niger oder Mail nur auf das Uran reduzieren w\u00fcrde. Es sind mehrere Faktoren, die hier eine Rolle spielen.<\/p>\n<p><em>Herr Baud, vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/em><\/p>\n<p><em>#Titelbild: Trauerzeremonie am 4.10. f\u00fcr Kompaniechef Oleksandr Pastukh (Dobry), der am 29. September in der N\u00e4he von Kreminnaja in der Region Luhansk starb. Pastukh war ab 2014 K\u00e4mpfer im Bataillon Asow und ab Beginn des Kriegs im Ukrainischen Freiwilligenkorps \u201eRechter Sektor\u201c. Bild: <\/em><a href=\"https:\/\/censor.net\/ua\/p3447408\"><em>Censor.net<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/die-usa-waren-sich-im-klaren-darueber-dass-die-offensive-keinen-erfolg-haben-wuerde\/\"><em>overton-magazin.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Oktober 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Kaiser. 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